Samstag, 25. März 2023

88| Die polnische Kaderschmiede

Dezember 2022 - Rostock / Warnemünde. Immer gut für eine erholsame Auszeit.

Dezember 2022 - Die Deutsche Bahn. Immer gut für eine abenteuerliche Reise.

Auf dem Gegengleis zu sehen ist nicht etwa die pünktliche Regionalbahn nach Posemuckelsdorf, sondern die Lok, die meinen Zug bis hierhin im mecklenburgischen Nirgendwo zog. Vermutlich irgendwo hier hatte sich wohl ein auf's Gleis gewehter Schnürsenkel ganz blöd in der Schiene verheddert. Dies oder was auch immer hatte jedenfalls 85 Minuten Verspätung mit Reparatur auf freier Strecke und anschließendes Umhängen der Lok (siehe oben) zur Folge. Thank you for waiting with Deutsche Bahn.

Sommer '89 - Szczecin. Immer gut für eine feucht-fröhliche Abifahrt.

Untergebracht waren wir damals stilecht in einer Parteischule, Kaderschmiede der polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Eingereiht standen wir in der langen Schlange Gleichgesinnter, die im benachbarten Supermarkt Wodka und Pepsi-Cola erstehen wollten. Was dann in der Kaderschmiede passierte, bleibt für immer in der Kaderschmiede.

Januar 2023 - Über 30 Jahre, eine Wende und einen Herzinfarkt später war ich nun wieder in Polen. Von der Stadt Warschau hatte ich mir nicht viel versprochen. Grund für diese Reise war eher das Hotel, das ich mit einer satten Ermäßigung geschossen hatte, und das ein schönes Schwimmbad, einen relativ gut ausgestatteten Fitnessbereich und ein sehr gutes Frühstück anbietet. Da gab's wirklich nichts zu meckern. Insgesamt hat mich das Hotel jedoch nicht so vom Hocker gerissen, auch wenn's einen deutlich gehobeneren Standard als eine Parteischule bot.

Hätte ich zudem gewusst, dass zu meinem Zimmer ein separates Büro gehören wird, hätte ich mir glatt was zum Arbeiten mitgenommen. Bisschen Ablage machen.

Nun ist der Januar sicher nicht die beste Reisezeit für Warschau. Ein Spaziergang entlang der Weichsel ist bei sommerlichen Temperaturen wohl empfehlenswerter als bei eisigem Wind. Die wiederaufgebaute Warschauer Altstadt, der aus stalinistischen Zeiten stammende Kulturpalast oder das Museum der Geschichte der polnischen Juden sind aber auch im Januar sehenswert. 


Die Geschichte der polnischen Juden ist zweifellos untrennbar mit dem Warschauer Ghetto verbunden. 


Nur noch wenige Spuren findet man im Stadtbild Warschaus. Stößt man auf solche, wie in der ul. Walicow, machen sie einen durchaus nachdenklich.


Der auf der rechten Weichselseite liegende Stadtteil Praga wird in Reiseführern als ursprünglich, lebendig, traditionell, authentisch oder atmosphärisch bezeichnet. Bei der Erkundung dieses Stadtteils sollte man die Hinterhöfe in Straßen wie Brzeska nicht auslassen. Diesem Rat bin ich gefolgt. Ich hatte in keiner noch so dunklen Gasse in Hanoi, Peking, Bangkok oder Yangon Angst. Hier hatte ich sie oder zumindest ein sehr beklemmendes Gefühl ob der in diesen Hinterhöfen herumlungernden Leute. Von anderen fühlte ich mich wiederum beobachtet und verfolgt. Strammen Schrittes verließ ich diesen Stadtteil. Und zwei Tage später auch die polnische Hauptstadt.


Um Ostern herum führt mich eine erneute Reise nach Polen - Wroclaw. Und wieder ist ein vergünstigtes Hotelangebot Grund für diese Entscheidung: top Lage im historischen Teil der Stadt, Fitnesscenter, modernes industrial Design, exzellentes Frühstück. Ich bin gespannt. Ob ich wohl wieder ein Büro haben werde? Im Vorfeld habe ich mich jedoch versichert, dass die viertgrößte polnische Stadt eine der schönsten und beliebtesten Städte Polens ist.

April 2023 - Kein Büro in Wroclaw.
Top Lage im historischen Teil der Stadt. checked.


Fitnesscenter. checked.


Modernes industrial Design. checked.


Exzellentes Frühstück. Sowas von checked.


Also das Hotel hat mich schon mal auf ganzer Linie überzeugt. Und dass Wroclaw als eine der schönsten und beliebtesten Städte Polens gilt, kann ich gut nachvollziehen. Wroclaws Lage auf 12 Inseln an der Oder, an und zwischen deren Nebenflüssen und mehreren Kanälen hat der Stadt den Namen "Venedig Polens" eingebracht. Nicht nur die Wasserläufe, sondern ebenso die Altstadt mit zahlreichen historischen Gebäuden, darunter unzählige Kirchen, laden zum Schlendern und Verweilen ein.


Wer Lust hat, kann in Wroclaw zudem auf Zwergenjagd gehen. Weit über 500 dieser etwa 30 cm großen Zwerge soll es mittlerweile im gesamten Stadtgebiet geben. Und wer es nicht so zwergenhaft mag, für den ist vielleicht die Skulptur "train to heaven" was - eine originale Reichsbahnlokomotive mit ungefähr 80 Tonnen Gewicht und über 20 Metern Länge. Wobei Höhe trifft's wohl besser.


Als hätt ich's geahnt, stellt dieser Gartenzwerg eine hervorragende Überleitung zu meinem Besuch im Ogrod Japonski, dem Japanischen Garten, her. Östlich der Innenstadt gelegen befindet er sich in unmittelbarer Nähe zur Jahrhunderthalle. Wenn man nun wie ich schon mal in Japonski war und dort den einen oder anderen Ogrod besucht hat, ist dieser in Wroclaw wahrlich nichts besonderes, aber bei voller Blüte oder im Herbst trotzdem ganz schön.


Na zdrowie und bis zum nächsten Mal, Wroclaw.


April 2023 - Frankfurt. Naja, nun hat man's mal gesehen.
Bisher kannte ich Frankfurt nämlich nur vom Flughafen oder vom Bahnhof. Jetzt bin ich mal ausgestiegen. Das Bahnhofsviertel - mir bislang nur von einschlägigen RTL2-Dokus bekannt - lässt in die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz blicken. Frankfurt's Skyline für deutsche Städte so sicher einmalig, im Vergleich zu Hongkong, Shanghai oder Tokyo unspektakulär. Die Altstadt um den Römerberg auf jeden Fall schön gemacht, wenn auch kleiner als ich's mir vorgestellt habe.


Aber sonst!?
Gut, man kann die Innenstadt komplett entlang der Wallanlagen, einer ringförmigen Grünanlage, umrunden. Nordöstlich liegt etwas außerhalb der Bethmannpark mit dem wirklich schönen Garten des Himmlischen Friedens.


Und schön ist es auch die Stadt entlang des Mains auf der kilometerlangen Promenade zu verlassen.


Besuchern der Stadt sei gesagt, es gibt hier keine öffentlichen Klo's. Ich habe jedenfalls keine entdeckt. Wenn nicht die vereinzelt aufgestellten Dixi-Klo's die öffentlichen Toiletten sein sollen. Doch die sind meistens randvoll ... gut, lassen wir das. Als Mann findet man immer noch hier und da eine Alternative. Vielleicht stinkt's deswegen nicht nur im Bahnhofsviertel überall nach Pi...

Mai 2023 - Rostock / Warnemünde. Und damit schließt sich der Kreis.

Möwengeschrei und Fischbrötchen inclusive. Ach, und Broiler.

Upps.

So.

Samstag, 19. November 2022

87| Malteserkreuz, Herr Strack?

 „Mittelmeer“ – so das grobe Ziel meiner Reiseplanungen für Mitte Oktober. Eigentlich sah ich mich schon in einer All-Inclusive-Hotelanlage mit Gin & Tonic aus der Bar-Schublade irgendwo an der türkischen Riviera. Letztendlich bin ich mit Übernachtung und Frühstück auf Malta gelandet. Was ich bei der Buchung übersehen hatte, es gab nur full english breakfast im Hotel. Ein bisschen fad und eintönig. Und man konnte sich nicht mal mit einem Blick aus dem Fenster vom tristen Einerlei auf dem Teller ablenken, war das Frühstücksrestaurant - im Untergeschoss des Hotels gelegen - doch fensterlos. Egal, vom Balkon meines Zimmers hatte ich einen umso schöneren Ausblick.

Valletta, die kleine maltesische Hauptstadt und Weltkulturerbestätte, war mein erstes Ziel. Gerade die schmalen und verwinkelten Gassen der Stadt, die Häuser mit ihren farbigen Holzbalkonen oder die Upper Barrakka Gardens, von denen man einen großartigen Ausblick auf den Hafen hat, sind unbedingt einen Besuch wert.

Geschichtsinteressierte kommen erst recht auf ihre Kosten, gehen die Ursprünge der Hauptstadt doch bis ins 16. Jahrhundert auf die Ritter des Malteserordens zurück. Ich bin in Geschichte nicht so bewandert ("Malteserkreuz, Herr Strack?" - "Man gönnt sich ja sonst nichts."(um 1988)). Die massive Stadtbefestigung ist dann aber schon beeindruckend.


Folgendes Bild mag vielleicht den Eindruck erwecken, ich hätte anschließend noch eine Bootstour unternommen.


Falsch. Richtig ist, ich war mit einem Linien-, nicht mit einem Amphibienbus unterwegs, als die Welt unterzugehen schien oder mindestens Malta abzusaufen drohte. Es wurde zwischenzeitlich stockdunkel und die Straßen binnen Sekunden zu reißenden Flüssen. Doch pünktlich zur Ankunft in der Nähe meines Hotels war der Spuk so gut wie vorbei, und ich konnte am frühen Abend in den Salumeria Gardens in St. Giljan bei cooler Musik und entspannter Atmosphäre die vielleicht beste Pizza meines Lebens schnabulieren. Und ein lecker Bierchen. Serviervorschlag:

Am nächsten Morgen fuhr ich zunächst ins Fischerdorf Marsaxlokk im Südosten Maltas um ein bisschen die Hafenpromenade auf- und abzuschlendern und dem geruhsamen Treiben auf und an den Fischerbooten zuzusehen.

Zweites Ziel des Tages war Birgu, eine der „Three Cities“, die am Grand Harbour direkt gegenüber der Hauptstadt Valletta liegen. Wunderschöne kleine Gassen, fette Yachten, das Fort St. Angelo und ein phantastischer Blick über die Bucht nach Valletta. Fertig ist ein wunderbarer Urlaubstag am Mittelmeer bei 25 Grad und blauem Himmel.

Am nächsten Tag stand Mdina auf meiner To Do-List. Mdina ist eine ehemalige Hauptstadt Maltas auf einer Anhöhe im Zentrum der Insel gelegen und hat nichts mit dem Ohrwurm zu tun, den ich im Bus auf dem Weg dorthin hatte: "funky cold medina". Älteren Leserinnen und Lesern habe ich hiermit eben diesen Ohrwurm eingepflanzt.

Komplett umschlossen von massiven Festungsmauern betritt man Mdina`s Altstadt durch das große Stadttor um sich – vorbei an der St. Paul`s-Cathedral, dem ein oder anderen Palazzo oder kleineren Kapellen – auf einem Rundgang durch teils enge Gassen verzaubern zu lassen.

Von dort ging es weiter an die Südwestküste Maltas zu den Dingli Cliffs, bis zu 250 m hoch steil aus dem Mittelmeer aufragende Kalkfelsen. Von jedem Punkt meiner Wanderung bot sich ein neuer beeindruckender Ausblick auf die Klippen und das Mittelmeer.


Mein Weg führte mich letztendlich zum Dingli Cliffs viewpoint, einem wunderbaren Ort zum Pausieren und um den Blick über's blaue Meer schweifen zu lassen.


Hier, hoch über dem Meer, soll der Sonnenuntergang besonders romantisch sein. Ich alter Romantiker war zu diesem Zeitpunkt aber längst schon wieder weg. Doch die Technik macht's möglich...


Was ich bis hierhin unerwähnt ließ, auf der gegenüberliegenden Seite dieser malerischen Landschaft befand sich ein großer Steinbruch. Lärm, Staub und LKW's im 30-Sekunden-Takt wurden zu einem wahren Quell der Freude für mich, während ich an einer einsamen Haltestelle direkt an der Ausfahrt des Steinbruches eine Stunde auf den nächsten Bus wartete.


Mit dem Bus kommt man auf Malta grundsätzlich überall gut hin, man weiß nur nicht immer, wann. Es gibt Fahrpläne, ja. Ob eine Haltestelle aber angefahren wird und zu welcher Zeit, das weiß man nicht. Mir schien - gerade in Ortschaften - der chaotische Verkehr Hauptgrund für ständige Verspätungen zu sein. Die Insel ist schlichtweg zu klein für diese Menge an Fahrzeugen. Und es gibt Busfahrer, die, wenn es denn mal möglich ist, fahren wie vietnamesische Taxifahrer. Das senkt das  Mindesthaltbarkeitsdatum maltesischer Busse vermutlich deutlich.

Das Highlight meines Malta-Urlaubs hob ich mir für den letzten Tag auf – einen Tagesausflug auf die Insel Comino, ein etwa 3 Quadratkilometer kleines Eiland nordwestlich der Hauptinsel Malta. Morgens erstmal über’ne Stunde mit dem rappelvollen Linienbus quer durch Malta zum Fährhafen Cirkewwa, von dort mit der Fähre etwa’ne halbe Stunde über das Meer. Schon diese Anfahrt bei traumhaftem Wetter war einfach herrlich und bot erste Eindrücke von Comino mit seiner steil aufragenden Küste und seinen Höhlen.


Ziel meiner Streifzüge über die Insel - immer entlang der Felsklippen - waren in erster Linie die Blaue Lagune und die etwas abgeschiedenere Kristall Lagune sowie ein Abstecher zum St. Mary`s Tower, einer kleinen Festung aus dem 17. Jahrhundert, die dem Schutz vor Piraten diente.
Doch nun lasse ich einfach Bilder sprechen.

Am nächsten Tag ging's nach einem full english breakfast wieder Richtung Heimat. Malta hat die ein oder andere nicht so attraktive, aber umso mehr schöne Ecken, von denen ich sicher längst noch nicht alle während meines Kurzurlaubs gesehen habe. Von daher könnt ich mir gut vorstellen, nicht das letzte Mal dort gewesen zu sein.

Man gönnt sich ja sonst nichts.