Sonntag, 5. April 2026

105| Die Stadt der sieben Hügel

Nein, ich reise nicht nach Rom, auch nicht nach Istanbul, Bamberg oder Sremska Mitrovica. Die Liste der Städte, die angeblich auf sieben Hügeln erbaut wurden, ist recht lang. Darin zu finden auch Lissabon. 


Bereits um 1200 v. Chr. ließen sich die Phönizier an der Tejo-Bucht nieder, gut 1000 Jahre später eroberten die Römer den Ort. Nach dem Untergang des Römischen Reiches belagerten erst germanische Stämme die Stadt, dann fiel sie an die Mauren. Zur Hauptstadt des portugiesischen Königreichs wurde Lissabon im 12. Jahrhundert und erlebte schließlich im 15. und 16. Jahrhundert sein goldenes Zeitalter - Bartolomeu Dias, Ferdinand Magellan und Vasco da Gama sei Dank. Nun erobere ich also die Stadt. Auf geht's.

Am 06. April pünktlich um 07:25 Uhr hebt die Fokker-Grulich F.II in Berlin-Tempelhof zu ihrer siebenstündigen Reise ab. Heute auf den Tag genau vor 100 Jahren fand der Erstflug der Luft Hansa von Berlin nach Zürich statt. Am 06. April 2026, Ostermontag, reist es sich deutlich schneller und weniger beschwerlich.


Ich weiß nicht, wie das Wetter vor hundert Jahren war, ist auch egal, jedenfalls fängt es hier in Lissabon - exactamente als ich die Metrostation in der Nähe meiner Unterkunft verlasse - zu regnen an. Bis auf einen kleinen Erkundungsgang um mein Hotel ist bisher nix zu machen. Immerhin, ich hab'n Aldi umme Ecke und schon mal meinen Getränkegutschein in der Hotelbar eingelöst. Saúde!


Der neue Tag beginnt wie der Vorherige endet. Also nicht schon wieder mit'm Glas Wein, aber mit grauen Wolken und Regen. Ich entscheide mich deshalb zunächst für den Parque das Nacões, ein neueres Stadtviertel auf dem ehemaligen Gelände der Weltausstellung von 1998. Ausgangspunkt meiner Runde ist der Bahnhof Oriente. Innen brutalistisch, außen filigran.


In unmittelbarer Nähe befindet sich u.a. der für die Expo erbaute portugiesische Pavillion. Dieser symbolisiert ein auf zwei Ziegelsteinen liegendes Blatt Papier, nur dass dieses Blatt halt nicht aus Papier, sondern aus 1400 Tonnen Spannbeton besteht. Sehr beeindruckend.


Frei nach Loriot: Ein frisches Zementgrau vor spritzigem grünlich-blauen Braunrotgrau. Es folgt der Versuch noch ein bisschen mehr Farbe reinzubringen.


Auf weitere Farbtupfer hoffend, knöpfe ich mir am Nachmittag bei kühlen 13 °C und Regen Lissabons Prachtstraße, die Avenida da Liberdade, beginnend am Praca do Marquês de Pombal vor, lasse Gucci, Prada und Versace links liegen, schweife dafür immer mal wieder rechts und links etwas ab und folge ihrer Verlängerung weiter bis zum Praca do Comércio, einem weitläufigen Platz direkt am Ufer des Tejo.


Und wie ich so bei frischer Brise meinen Blick über den Tejo schweifen lasse, reißt am Horizont doch tatsächlich ganz zaghaft die Wolkendecke auf. Lässt sich zum Abend tatsächlich noch die Sonne blicken? 


Nein. Gegen 18:30 Uhr kommt nochmal 'ne ordentliche Husche runter.


Ab morgen soll's wohl aber etwas besser werden.

Ich packe meinen Tagesrucksack und nehme mit: eine Tube Sonnencreme... 
Ich packe meinen Tagesrucksack und nehme mit: eine Tube Sonnencreme und eine Sonnenbrille... 
Ich packe meinen Tagesrucksack und nehme mit: eine Tube Sonnencreme und eine Sonnenbrille und ein Basecap... 
Vorher noch genüsslich das Pastel de Nata, ein warmes Puddingtörtchen aus Blätterteig mit Cremefüllung wegschnabulieren und dann geht's runter ins Dorf.
Über mehrere Stunden schlendere ich auf und ab und kreuz und quer hauptsächlich durch die Altstadt Lissabons. Alfama ist das älteste erhaltene Viertel der Stadt mit verwinkelten Gassen, zahlreichen Treppen und seinen höher gelegenen Aussichtspunkten, den Miradouros. Meine Tour beginnt mit dem Aufstieg zum Miradouro da Graca.


Anschließend geht es weiter zum Miradouro da Senhora do Monte, dem höchsten Punkt Lissabons. 


Dann auf dem Weg zum Castelo de São Jorge, einer weithin sichtbaren Festungsanlage. Die 17 Euro Eintrittsgeld spare ich mir allerdings, deshalb geht's auch nahtlos weiter zum Miradouro de Santa Luzia.


Und von nun an lasse ich mich einfach durch die Gassen von Alfama treiben oder folge den Schienen, auf denen die historische Tram durch die Altstadt rumpelt.


Vorbei an der Kathedrale von Lissabon verlasse ich Alfama schließlich in Richtung Unterstadt (Baixa) und Oberstadt (Alta).


Nicht nur zwischen Ober- und Unterstadt, sondern in der gesamten Innenstadt sind teils erhebliche Höhenunterschiede zu überbrücken, die echt nicht zu unterschätzen sind. Zum einen sind hier und da große Steigungen zu bewältigen, zum anderen kann das Kopfsteinpflaster bei Nässe ziemlich rutschig werden, ganz abgesehen davon, dass an manchen Stellen die Fußwege so schmal sind, dass dort keine zwei Personen aneinander vorbei gehen können, ohne dass eine auf die Straße ausweichen muss. Es gibt zwar Alternativen wie den Elevador de Santa Justa oder eine der berühmten Standseilbahnen, diese sind jedoch nach dem Seilbahnunglück im Jahr 2025 immer noch außer Betrieb. 


In der Oberstadt befindet sich in den Ruinen des Convento do Carmo, einem ehemaligen Kloster, das Museu Arqueológico do Carmo. Da es neben der Archäologie auch um Architektur geht, bin ich hier doch genau richtig, und 7 Euro Eintritt sind auch nicht die Welt.


Apropos Architektur. Mehr noch als alte Gebäude und Ruinen begeistern mich moderne Bauten. Da trifft es sich doch gut, dass ungefähr einen Kilometer entfernt vom archäologischen Museum das neue Headquarter des größten portugiesischen Energieversorgers gebaut wurde. Aber vorher noch schnell in ein Café gehuscht. So, es geht weiter.


Und praktisch ums Eck befindet sich die 1882 eröffnete Markthalle, der Mercado da Ribeira, wobei Touristen wohl eher bekannt als Time Out Market mit zahlreichen Ständen, die von gehobener Küche bis Street Food, von Meeresfrüchten bis zu Eis alles anbieten. Einen traditionellen Markt für Lebensmittel gibt es dort ebenfalls. 


Wiederum nur ein paar Schritte entfernt ist die Rua Nova do Carvalho oder kurz Pink Street, eine kurze Straße mit Bars und Cafés, deren Name sich beim Blick auf die nächsten Bilder sofort erschließt. 


Zwischendurch mal für'n Moment die Beine hochgelegt, zieht es mich am Abend nochmals hinaus - zum Sonnenuntergang am Miradouro da Senhora do Monte. Eher kein Geheimtipp, trotzdem gute Stimmung.


Oh, es ist nun auch schon halb Neun durch, nach deutscher Zeit 21:30 Uhr, dringend Zeit fürs Abendbrot. Ich entscheide mich selbstverständlich für authentisch portugiesische Küche in einem traditionellen Restaurante. Guten!


Und zum Abschluss dieses langen Tages zieht es mich nochmal runter an den Fluss und auf den Praca do Comércio.


Meiner Wahrnehmung nach ist Lissabon wahrlich keine verkehrsberuhigte Zone. Heute erst recht nicht, die Metro mit ihren vier Linien - sehr praktisch und günstig um größere Entfernungen in der Stadt zurückzulegen - wird komplett bestreikt. Bus oder Straßenbahn bei den durch pausenlos hupende Autos heillos überfüllten Straßen in der Innenstadt auch keine ernst zu nehmende Alternative. Also starte ich den Tag mit einem 3-Kilometer-Spaziergang in das am Tejo gelegene Stadtviertel Cais do Sodré, von dem aus ich die 6 Kilometer nach Belém, einem ganz im Westen liegenden Stadtteil Lissabons, dann doch mit dem Bus absolviere. Und da die Endhaltestelle fast direkt neben dem tropischen botanischen Garten liegt, schlage ich mich dort mal für 5 Euro durch's Dickicht.


In manchen Ecken wird ein bisschen gewerkelt, manche Bereiche sind gesperrt, insgesamt macht der Garten leider einen eher ungepflegten Eindruck. Nur die zahlreichen Pfauen legen sich ordentlich ins Zeug.


Weiter geht es, obwohl von außen wirklich eindrucksvoll und im Inneren den Sarkophag Vasco da Gamas beherbergend, nicht zum Hieronymuskloster, auch nicht zum Kutschenmuseum oder zur portugiesischen Schule der Reitkunst, sondern zum Padrão dos Descobrimentos, dem Denkmal der Entdeckungen. Einst stachen nämlich von Belém aus die portugiesischen Seefahrer zu ihren Entdeckungsreisen in See.


Den nicht weit entfernten Torre de Belém steuere ich als nächstes an. Als Wehrturm zwischen 1514 und 1520 erbaut um die Einfahrt zum Hafen von Lissabon zu kontrollieren, ist er nun Weltkulturerbestätte, touristischer Magnet und aktuell wegen Restaurierungsarbeiten teilweise eingerüstet und für Besucher gesperrt. 


Anschließend im Vasco-da-Gama-Garten meiner Asien-Begeisterung gefrönt und kurz dem Sala Thai einen Besuch abgestattet, kommt bald schon das nächste Ziel am Ufer des Tejo in Sichtweite.


Das Museum für Kunst, Architektur und Technologie hat es mir vor allem wegen seiner spektakulären Bauweise angetan. Ich kann solche Gebäude mit großer Hingabe aus allen möglichen Blickwinkeln betrachten. 


Der Rückweg zum Hotel führt mich erst in den Time Out Market auf einen Teller Pasta mit Gambas und Jakobsmuscheln, nur geringfügig teurer als der eingesparte Eintritt ins Castelo, auf ein Schoko-Küchlein und Kaffee zum Bäcker, vorbei an einer weiteren Standseilbahnstation hoch zum Miradouro do Torel auf ein wohlverdientes, herrliches Ruhepäuschen im Schatten. 


Bevor morgen mein Rückflug geht, zieht es mich am letzten vollen Urlaubstag wie einst die portugiesischen Entdecker raus auf's Meer, naja zumindest einmal mit der Fähre rüber nach Cacilhas am südlichen Ufer des Tejo.


22 °C, Sonne, perfekt. Leider auch den ganzen Tag etwas dunstig. Ich versuche bei der Nachbearbeitung der Bilder das Maximum aus der Technik herauszuholen. Nun werfen wir zur Orientierung erst nochmal einen Blick hinüber nach Lissabon. 


Ich gehe vom Fähranleger zunächst nach links, stelle aber schnell fest, dass da für mich nichts weiter zu holen ist, mal abgesehen von einem U-Boot und einer alten Fregatte, die man besichtigen könnte und einem Viewpoint, der jetzt auch keine wahnsinnig spektakuläre Aussicht bietet, außer auf einen kleinen Privatgarten. 


Also zurück zum Anleger und in die andere Richtung nun immer die Rua do Ginjal entlang. Diese zwei Kilometer lange Strecke sollte noch zu einem kleinen Abenteuer und einem nicht erwarteten, aber willkommenen Kontrast zu den vorangegangenen Tagen werden - rechts der Fluss, links einige alte Lagerhäuser und verlassene Fabriken, noch weit in der Ferne die nicht zu übersehende Brücke.


In obigem Bild ist gut der Elevador da Boca do Vento zu erkennen, mit dem man sich den Aufstieg zur Christusstatue Cristo Rei etwas erleichtern kann. Am Fuße des Aufzugs befindet sich ein kleiner gemütlicher Park, davor zwei schnuckelige Restaurants.


Ich ziehe es vor, nicht den Aufzug zu nehmen, sondern auf der Rua do Ginjal zu bleiben, die allerdings bald keinen Namen mehr tragen wird.


Der Küstenweg ohne Namen führt zu einem spannenden Lost Place, einem wohl schon lange verlassenen und vor sich hin rottenden Weingut, das sich die Natur ganz langsam zurück holt und - nicht zuletzt wegen der zahlreichen Graffitis - großartige Fotomotive bietet.


Weiter geht es hier nun nicht mehr, zumindest finde ich keinen Weg durch die Ruinen. Aber wenn ich schon mal auf der Ecke bin, werd ich jetzt auch noch bis zur Cristo Rei wandern. Also wieder umkehren, ein ganzes Stück zurück, andere Abzweigung nehmen, und nach gut 3 Kilometern ist die 1959 eingeweihte Statue erreicht. Mit einer Gesamthöhe von 110 Metern steht sie 133 Meter über dem Tejo.


Die Aussicht auf ein Käffchen, ein Stück Kuchen und auf die Ponte de 25 Abril, die Hängebrücke über den Tejo, die zwangsläufig an die Golden Gate Bridge in San Francisco erinnert, die ich auch schon mal live und in Farbe betrachten konnte, reizt mich dann doch mehr.


Auf dem Rückweg, mittlerweile wieder auf Lissaboner Seite, mache ich Station auf dem letzten Aussichtspunkt dieses Urlaubs, dem Miradouro de São Pedro de Alcântara.


Heute am späten Nachmittag geht's endgültig zurück nach Hamburg, vormittags zu einem Spaziergang in den Garten der Stiftung Calouste Gulbenkian rund um das gleichnamige Museum. Danach bleibt ausreichend Zeit für ein kleines zweites Frühstück in einer portugiesischen Bäckerei. 


Abschließend folgt noch ein Beitrag unseres heutigen Werbepartners "Flávios flotte Fliese": 
Azulejos, die für Lissabon typischen gekachelten Mosaike und Bilder, findet man praktisch überall: in Metrostationen, in und an Kirchen, auf Bänken, an Brunnen und Hausfassaden. Auf geht's zu einem letzten Spaziergang durch Lissabon. Immer der Fliese nach. Flávios flotte Fliese. 


Lissabon ist aufgelistet als Stadt der sieben Hügel, und ganz aktuell ist sie nun auch in die Liste meiner europäischen Lieblingsstädte aufgenommen worden. Darin weiterhin nicht zu finden: Köln.