Sonntag, 3. Mai 2026

106| Goldwasser und Bernstein

Was möglicherweise die Schilderung eines schönen Nachmittags bei Oma Gerda erwarten lässt, die ihre prächtigste Bernsteinkette angelegt und nach Schwarzwälder Kirschtorte noch das ein oder andere Gläschen Likör eingeschenkt hat, sind indes wohl typische Souvenirs, die manch ein Tourist von meinem nächsten Reiseziel mitbringt. Ich werde das sicher nicht tun, bin ich weder an Bernsteinschmuck und Gewürzlikör mit Blattgoldflusen sonderlich interessiert, noch wissentlich mit jemandem bekannt, der daran Freude hätte. Doch unabhängig davon soll die ehemalige Hansestadt an der polnischen Ostseeküste allemal eine Reise wert sein, und so werde ich mich bald in die Stadt aufmachen, die als eine der schönsten Städte Mitteleuropas gilt - Gdańsk.


Bevor es aber wieder mal nach Polen geht, steht noch eine Entdeckungstour im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe an. In der Ausstellung "Foto: Hans Hansen" zeigt es aktuell und noch bis 01.11.2026 Bilder des deutschen Produkt- und Werbefotografen aus mehr als sechs Jahrzehnten. Weithin bekannt wurde seine Aufnahme eines in 6843 Einzelteile zerlegten VW Golf aus dem Jahr 1988. 


Auf das absolut Wesentliche reduziert und ins perfekte Licht gerückt, steht in all seinen Fotografien das Produkt im Mittelpunkt - mal ein Stuhl, mal ein Fotoobjektiv, eine Vase oder einfach nur ein Stück Butter. 


Mir liegt es fern mich auch nur ansatzweise auf eine Stufe mit Hans Hansen zu stellen, aber lieber fotografiere auch ich ein gut ausgeleuchtetes Stück Butter statt Menschen. Und Selfies gehen schon mal gar nicht. Auf der Rückreise von Lissabon nach Hamburg begab es sich nun, dass in der Schlange vor dem Check-in-Schalter auch Thomas D von "Fanta 4" geduldig wartete und auf dem abgesteckten Zick-Zack-Parcours wiederholt fast neben mir stand. Soll ich ihn wegen eines Fotos ansprechen? Immerhin bin ich Fanta-Fan der ersten Stunde. Kurzum, ich tat es nicht, wäre mir doch die Angelegenheit unendlich peinlich gewesen. Ohnehin stelle ich mich jedes Mal saublöd an, wenn doch mal ein Selfie her soll. Am Ende hätte ich Thomas D vermutlich nur zur Hälfte auf dem Bild gehabt und selber dämlich grinsend ins Nichts gestarrt.

Gebremst wird nur, wenn der Blitzer-Warner piept. Mit teilweise knapp 90 Sachen ist gerade das Taxi mit mir an Bord durchs morgendliche Hamburg zum Flughafen gedüst. Und 15:00 Uhr beziehe ich mein Hotelzimmer mitten in der Danziger Altstadt.


Den Mottlauhafen sehe ich zwar nicht aus meinem Fenster, erreiche ihn zu Fuß aber in nicht mal 2 Minuten. Zentraler geht's kaum. Doch trotzdem zieht es mich erstmal an der Mottlau entlang zum historischen Gelände der Danziger Werft, die in den 1980er Jahren Geburtsstätte der Gewerkschaftsbewegung Solidarność war. Heute ist das ehemalige Werftgelände eine interessante Mischung aus Brache, Neubaugebiet, Kultur und Industrieromantik. 


Obiger Kran - der Zuraw M3 - lässt sich für 20 Zloty auch besteigen, allerdings nur freitags bis sonntags. Heute ist Sonntag und ich habe 20 Zloty. Also los.


Nicht mehr weit ist die Ulica Elektryków, wo die einstigen Werfthallen umgenutzt wurden für Gastronomie, Kultur ... und laute Musik.


Langsam macht sich der kleine Hunger bemerkbar, wie gut, dass die Montownia Food Hall in einer ehemaligen Montagehalle der Danziger Werft nur 10 Minuten Fußmarsch entfernt liegt.


Das Thai Basil Chicken ist sehr lecker und fast so scharf wie in Bangkok. Zurück geht's u.a. vorbei am Museum des Zweiten Weltkriegs, dem ich eventuell noch einen Besuch abstatten werde. Für die nächsten Tage ist zumindest immer mal wieder Museumswetter vorhergesagt.


Am späteren Abend lockt mich erneut der nun stimmungsvoll erleuchtete Mottlauhafen.


Dass sich mein Hotel übrigens mitten in der Altstadt befindet, stimmt so gar nicht, es liegt mitten in der Rechtstadt (Glówne Miasto) südlich der Altstadt (Stare Miasto), naja wobei auch das nicht stimmt, befindet es sich nämlich auf der Speicherinsel ... wie auch immer. Die Rechtstadt ist die eigentliche Innenstadt, die einst besondere Privilegien genoss, daher auch der Name. Ihre Hauptstraßen gehen von der quer verlaufenden Flusspromenade ab; hier finden sich auch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die alle wunderbar zu Fuß zu erlaufen sind. Auf geht's.


Besonders interessiert hat mich die aus dem 15. Jahrhundert stammende astronomische Uhr  in der Marienkirche. Nach Kriegsschäden aufwendig restauriert ist sie 1990 wieder in Betrieb genommen worden. Die nahezu identische astronomische Uhr in der Rostocker Marienkirche wurde vermutlich vom selben Uhrmacher erbaut. Was ein Zufall.


Es folgen ein paar weitere Eindrücke insbesondere aus der Langgasse und der Frauengasse...


... sowie aus der Altstadt.


Pünktlich zum frühen Abend setzt der vorhergesagte Regen ein, das trockene Zeitfenster zu späterer Stunde nutze ich für's Abendessen und eine letzte Runde über den Langen Markt.


Heute ist Strandtag, bei 12 °C allerdings ohne Badehose und Handtuch. Mit der S-Bahn geht's ins Ostseebad Sopot, das mit Gdańsk und Gdynia die sogenannte Dreistadt bildet. Eigentlich wollte ich erstmal über die mit mehr als 500 m längste hölzerne Seebrücke Europas flanieren, aber das kostet 10 Zloty. 


Da kennen die mich aber schlecht. Mit einem verächtlichen Blick gehe ich einfach an der Seebrücke vorbei und immer den Strand entlang zum Orlowo Pier, nicht annähernd 500 m lang, aber kost nix. Natürlich ist hier eher der knapp 5 Kilometer lange Weg das Ziel.


So, und die paar hundert Meter zur Orlowski-Steilküste sind nu auch noch drin. Dieser Küstenabschnitt ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem Ziehungsleiter Herrn Orlowski beim Tele-Lotto im DDR-Fernsehen.


Zurück in Sopot habe ich mir sowas von ein Käffchen und'n Stück Cheesecake bei Costa Coffee im "betrunkenen Haus" verdient.


Insgesamt hat mich Sopot mit seiner Bäderarchitektur, dem kilometerlangen, breiten Sandstrand, dem sich anschließenden Küstenwald und dem Hochufer sehr an Warnemünde erinnert. Von daher kann ich gut nachvollziehen, dass der Ort das beliebteste Ostseebad der Polen ist, ich bevorzuge trotzdem weiterhin Warnemünde.
Als wären am heutigen Tag nicht schon genug Schritte zusammengekommen, bin ich gegen 17:00 Uhr nochmal aufgebrochen, allerdings nur zu einer kleinen Runde um die Bastion Zubr, Teil der Befestigungsanlagen von Gdańsk aus dem 17. Jahrhundert.


Der letzte Tag präsentiert sich kalt und windig, im späteren Verlauf auch regnerisch - Museumswetter. Doch erst ein kleiner Gang zum polnischen Haken, einer Landzunge, die einst die Grenze des Danziger Hafens markierte und zur Zeit eine Industriebrache ist.


Als ich das Museum des Zweiten Weltkriegs betrete, fängt es leicht zu regnen an, nach gut drei Stunden hört der Regen wieder auf. Gute Planung ist einfach alles.


Auf dieser Bekanntmachung aus der Ost-Ukraine steht: "Achtung! In diesem Haus leben Deutsche. Wer auch immer sie stört, wird erschossen!" Widerlich.


9 von etwa 6 Millionen!!


Und das war's dann auch schon wieder mit meinem Kurzurlaub in Polen. Gdańsk ist eine schöne und lebendige Stadt perfekt für 3-4 Tage.