Freitag, 19. Juni 2026

107| Gülden schimmert's Glimmerblatt

Mit meiner ersten Reisedestination dieses Sommers verbindet mich bislang nur Omas Schwärmerei für Karel Gott: "Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld..." 
In meinen Taschen fand sich zumindest das Geld für diesen recht spontan gebuchten Kurztripp. Zwar nicht komplett um die ganze Welt, aber immerhin 4°25' in östliche Richtung.


Die Goldene Stadt, wie Prag auch oft genannt wird, blickt auf eine über 1000-jährige Geschichte zurück. Seit 1992 ist das historische Stadtzentrum zudem UNESCO-Weltkulturerbe. Da sollte sich eine Stippvisite doch wohl lohnen. Bis zur Reise wird sich hoffentlich auch die extreme Hitzewelle über Europa wieder abgeschwächt haben. Die Temperatur- und Luftfeuchtigkeitswerte, die aktuell sogar über denen von Kuala Lumpur liegen, hält ja kein Schwein aus, insbesondere wenn man noch arbeiten muss. Doch das muss ich Karel Gott sei dank in Prag nicht mehr. Allerdings werde ich dann auch für eine Weile auf Stilblüten von Kollegen verzichten müssen:


So, und jetzt mach ich mich mal auf'n Weg. Eine Anreise mit dem Zug war mit über 8 Stunden Fahrzeit inklusive dreier Umstiege keine wirklich verlockende Alternative. Ich fliege.


Wer genau aufgepasst hat, hat die Prager Altstadt dezent gülden schimmern sehen. Mittlerweile habe ich auch das Hotel - keine 10 Minuten vom Nationalmuseum entfernt - erreicht.


Zweckmäßig, wahrlich nix aufregendes. Also das Hotel, über das Nationalmuseum habe ich diesbezüglich keine gesicherten Informationen. Zu meinem Zimmer gehört allerdings ein riesiger Balkon. Hätt ich doch nur mein Rudergerät als Sperrgepäck mitgenommen.


So mache ich eben, statt'ne Runde zu rudern, eine erste Runde zur Erkundung der Umgebung. Die Kreuzbastion, Relikt alter Festungsanlagen, ermöglicht einen Blick auf Überreste der Neustadtmauer und die Basilika St. Peter & Paul auf dem Vyšehrad-Felsen.


Der Vyšehrad auch bekannt als Prager Hochburg - ein Burgwall aus dem frühen Mittelalter am Ufer der Moldau - ist sogleich mein nächstes Ziel. 


Direkt neben der Basilika befindet sich der 1869 errichtete Vyšehrader Friedhof, auf dem zahlreiche bekannte tschechische Persönlichkeiten bestattet sind. Ein ruhiger und schöner Ort.


Von nun an geht's ein Stück am Ufer der Moldau entlang.


Nach dem Tanzenden Haus lasse ich auf der Suche nach weiteren Architekturperlen und nach einem schnellen Happen bei Mäckes die Moldau zunächst links liegen.


Auf dem Weg begegnet mir zudem Franz Kafka, wenn auch nur in Form der kinetischen Skulptur "Metamorphose". So benannt in Anlehnung an seine Erzählung "Die Verwandlung" - nicht, dass ich die kennen würde. Übrigens die folgende Videosequenz läuft in etwas höherer Geschwindigkeit ab, also nicht wundern.


Am Abend lockt dann erneut die Moldau.


Der erste Gang des zweiten Tages führt mich auf den Veitsberg zum tschechischen Nationaldenkmal zu Ehren des hussitischen Heerführers Jan Žižka. Kenn ich nicht. Dafür kenn ich Spejbl & Hurvinek. 


Für die Beiden hätte man vermutlich aber nicht die drittgrößte bronzene Reiterstatue der Welt aufgestellt. Wobei, ich würd's feiern. Wie auch immer, der Ausblick ist ganz nett, wenn auch in Richtung Süden der potthässliche Prager Fernsehturm das Gesamtarrangement ein wenig stört.


Der Blick durch einen ausgehöhlten und geeignet ausgerichteten Baumstamm weist schon mal auf ein späteres Ziel hin, die Prager Burg.


Doch viel mehr bin ich erstmal an einem Gebäudekomplex aus der Feder des Architekturbüros Zaha Hadid Architects im Viertel Masarycka interessiert.


Ohne konkretes Ziel geht es nach Cappuccino und Wrap ein bisschen durch die Altstadt. Platz der Republik, Pulverturm, Wenzelsplatz, Karlsbrücke. Eigentlich wollt ich auch mal ins Klementinum reinluschern, bin aber zu knauserig, mir dafür ein Ticket zu kaufen. Für die Besichtigung des Idioms, einer Installation in der Stadtbibliothek aus 8000 zu einem Turm aufgeschichteten Büchern mit Spiegeln oben und unten für einen Unendlichkeitseffekt, ist einerseits der Eintritt frei, die Schlange Wartender andererseits unnormal lang.


Nach einer etwas längeren Pause im Hotel geht es am späten Nachmittag mit der Metro in den Stadtteil Malá Strana und von dort zunächst hoch auf den Letná-Hügel in den gleichnamigen Park.


Nix besonderes, aber man hat von dort einen recht spektakulären Blick auf die Prager Altstadt. Die Panorama-Aufnahme ganz am Anfang dieses Posts ist dort entstanden.

 
Nice to know: Das 25 m hohe Prager Metronom im Park steht auf einem massiven Betonsockel, auf dem von 1955 bis 1962 das Stalin-Denkmal thronte. Die größte Stalin-Darstellung der Welt wog 17000 Tonnen und wurde mit 800 kg Sprengstoff in mehreren Anläufen weggesprengt. Nur falls mal jemand fragt. 
Heute ist der Sockel ein beliebter Treffpunkt und Trainingsgelände für Skateboarder. Ich verlasse jedoch den Letná-Hügel wieder und schlendere noch ein bisschen durch Malá Stranas kopfsteingepflasterte Straßen, quetsche mich durch die engste Gasse Prags...


...beobachte zwischenzeitlich am Ufer der Moldau die Fütterung allerlei zwei- und vierbeinigen Getiers...


...und an der John Lennon Wall das Posen meiner Artgenossen...


...während sich hinter der Mauer ein kleiner schnuckeliger Laden und ein herrlich friedlicher Garten befinden.


Über die Karlsbrücke geht's schließlich zurück Richtung Altstadt und später ins Hotel. 


Bei Pilsner Urquell und Nieselregen klingt der Abend auf meinem Balkon aus.

Eine Entdeckungstour durch das jüdische Viertel Josefov steht am dritten Tag auf dem Plan. Dass dieses Viertel so gut erhalten ist, soll ausgerechnet Hitler zu verdanken sein, wollte der wohl in Prag eine Art Museum einer "untergegangen Rasse" errichten. Im Ticket des jüdischen Museums (600 CZK) enthalten sind die Besichtigung mehrerer Synagogen und der Zugang zum alten jüdischen Friedhof. Die Altneu-Synagoge, erbaut um 1270, ist die älteste Synagoge Mitteleuropas und eine der ältesten weltweit, die bis heute für Gottesdienste genutzt wird.


In der Pinkas-Synagoge aus dem 16. Jahrhundert wird den weit über 70000 tschechischen jüdischen Holocaust-Opfern gedacht, deren Namen von Hand an die Wände der Synagoge geschrieben wurden.


Von der Pinkas-Synagoge hat man auch Zugang zum alten jüdischen Friedhof, der vom 15. bis 18. Jahrhundert genutzt wurde. Hier stehen und liegen über 12000 Grabsteine dicht an dicht. Aufgrund des begrenzten Platzes und jüdischer Bestattungsbräuche wurden die Verstorbenen über die Zeit in bis zu 10 Schichten übereinander begraben. Ein beeindruckender, wahrlich mystischer Ort.


Wahnsinnig beeindruckend auch mein letztes Ziel, die Spanische Synagoge, 1868 im maurischen Stil erbaut.


Von nun an streife ich kreuz und quer durch die Straßen und Gassen der Altstadt. Erwähnenswert sicher der Altstädter Ring und das Altstädter Rathaus mit seiner astronomischen Uhr.


Erwähnenswert aber auch das leckere Eis und die Menschenmassen, die sich an Hotspots tummeln und durch manche Straßen schieben. Es gibt durchaus aber auch ruhige, geradezu menschenleere Gassen und Höfe. Weitere Eindrücke aus der Altstadt habe ich hier als kleines Filmchen zusammengestellt.


Und wieder lockt die Moldau am Abend. Und eine gute Stimmung. Und ein Pilsner Urquell.


Mein Balkon am Abend. Ohne Moldau, ohne Pilsner Urquell und ohne Rudergerät. Trotzdem ganz nett.


Am vierten Tag werden die Wanderschuhe geschnürt. Bezwingung des Laurenziberges im Stadtteil Malá Strana, ganze 327 Meter hoch. Es gäbe auch'ne Standseilbahn. Ich laufe. Los geht's. Auf gewundenen Pfaden erklimme ich Meter um Meter, werfe einen Blick auf die Hungermauer - eine Verteidigungsmauer aus dem 14. Jahrhundert - und einen Blick zurück ins Basislager.


Das Gipfelkreuz mit der St.-Laurentius-Kirche unten dran ist erreicht. Gegenüber der Aussichtsturm Petřín. Irgendwie erinnert der mich an was.


Die zweite Etappe führt zunächst wieder etwas hinab mit großartigem Blick hinüber zur Prager Burg und auf den nächsten Hügel hinauf, auf dem im 12. Jahrhundert das Kloster Strahov gegründet wurde.


Durch den historischen (Obst-)Garten am Hang des Klosters führt die dritte Etappe zum Palais Lobkowicz. 


Gerade hier zu stehen ist für mich ein bewegender Moment, erlangte doch das Gebäude als Sitz der Deutschen Botschaft im Herbst 1989 weltpolitische Relevanz, nachdem Tausende DDR-Bürger auf dem Botschaftsgelände Zuflucht suchten. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich die Filmaufnahme sehe, wo Hans-Dietrich Genscher am 30.09.1989 auf dem Balkon der Botschaft steht und zu den Massen spricht: "Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." Der Rest ist Geschichte.
Für mich geht es nun erstmal in der vierten und letzten Etappe auf den Hradschin, die Burgstadt. Das auf einem Hügel gelegene Viertel beherbergt neben der Prager Burg u.a. den Veitsdom, zahlreiche Paläste und Bürgerhäuser, und wird von Heerscharen von Touristen bevölkert. Etwas erschöpft von den vorhergehenden Etappen bin ich nur ein bisschen auf dem weitläufigen Gelände herum gelaufen und nach einem Päuschen im Königlichen Garten mit der Tram erstmal zurück zum Hotel gefahren. 

 
Der Tag der Abreise ist herangerückt. Es bleibt noch Zeit für einen Abstecher in den Havlíček-Park, kurz Grébovka genannt. Eine großzügig bemessene Gartenanlage mit Weinberg und hölzernem Weinbergpavillon, künstlicher Grotte (gar nicht so kitschig wie es klingt), kleinem Wasserfall, der Villa Gröbe. Ein sehr schönes Fleckchen Erde.


Die Stippvisite nach Prag hat sich gelohnt. Da leg ich doch glatt "Gold'ne Stadt" von Karel Gott auf. Oma würd's freuen.