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Mittwoch, 19. Februar 2025

98| Vom Sin des Lebens

Zum Zeitpunkt ihrer Buchung waren es ganze 239 Tage bis zu meiner nächsten Fernreise. Nun ist sie zwar schon deutlich näher gerückt, trotzdem braucht's noch etwas Geduld. Genug Zeit um vorab mal ein bisschen über den Sinn des Lebens zu philosophieren.

Im Jugendweihe-Buch "Vom Sinn unseres Lebens", dem laut Wikipedia meistgedruckten Buch in der DDR und dem laut mir (vermutlich) ungelesensten Buch in der DDR aus den 1980-er Jahren, das ich wie Hunderttausende andere Jugendliche überreicht bekam, heißt es: "Ein sinnvolles Dasein ist ohne erfolgreiche Arbeit undenkbar, gleichzeitig können wir uns ein erfülltes Leben wohl auch nicht ohne angenehm verbrachte Freizeit vorstellen. Wir sind keineswegs Anhänger eines kargen oder bitterernsten Lebensstils. Unser Optimismus fordert zu Freude und Frohsinn geradezu heraus. Beides hat natürlich bei unserer Arbeit und bei unseren politischen Aktionen seinen berechtigten Platz. In der Freizeit [...] finden Freude und Frohsinn ihren besonderen Ausdruck." Dunkel erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an das 'Lager für Erholung und Arbeit' in den Sommerferien der 8. Klasse. Äpfel pflücken in Eschenhörn - tschakka, alle drei Umlaute in einem Satz. Gleichermaßen fanden alle naselang an Pioniernachmittagen und im FDJ-Studienjahr, Sommer 1986 und 1988 im Wehrlager, ...

... bei gelegentlichen Subbotniks samstags sowie regelmäßigen Fahnenappellen montags, und - nicht zu vergessen - beim Sammeln von Flaschen, Gläsern, Altpapier und deren Abgabe in der von Frau Febrow mit eiserner Hand geführten SeRo-Annahmestelle Freude und Frohsinn ihren besonderen Ausdruck. 

Und heute? Seit ich im Sommer 1990 nach Zuarbeit von David Hasselhoff den Streckmetallzaun der innerdeutschen Grenze an der Elbe bei Dömitz abmontierte, muss ich weder Steine von Äckern sammeln noch Bremskolben von Panzerspähwagen fetten, und ich brauch keine Rentner mehr wegen Altglas rausklingeln. Einer erfolgreichen Arbeit, die zu Freude und Frohsinn herausfordert...haha, gehe ich natürlich dennoch nach. Angenehm verbrachte Freizeit ist für mich aber seit dem Studium fast untrennbar mit dem Reisen verbunden.

Einen wesentlichen Anteil am seit damals regelmäßig ausbrechenden Reisefieber hatte nicht zuletzt mein bester Studienfreund, den ich vor meinem geistigen Auge immer noch in Handschellen vor dem 'Circus Circus' in Las Vegas sehe. Zum kaputtlachen fanden's nur wir anderen Vier. You live on in my heart, rest in peace, my friend. 

Insbesondere wegen meiner eigenen Grenzerfahrung vor nunmehr 3 Jahren will ich auch nichts mehr aufschieben. Noch möglichst lange möchte ich fremde Länder entdecken, andere Kulturen kennenlernen, futuristische und historische Architektur bestaunen und, ja, auch schöne Hotels genießen dürfen, so wie es das Jugendweihe-Buch ganz bestimmt mit: "Als Touristen in befreundeten Ländern weiten wir unseren Blick." meinte. Die Betrachtungsweise, was ein befreundetes Land ist, hat sich seither radikal verändert, und allem Anschein nach schwingen in immer mehr Staaten Irre das Zepter; nicht nur beiderseits der Beringstraße. Richtig ist und richtig bleibt jedoch, das Reisen weitet den Blick. 

Das Leben und Arbeiten in einem fremden Land sowieso. Knapp 5 Jahre nach meiner Rückkehr aus China habe ich erste wichtige Schritte unternommen auf dem Weg zu einem erneuten beruflichen Auslandsaufenthalt - sicher nicht vor 2026. Und nach heutigem Stand (Update: Dezember 2025) hat es schon mehrere Anfragen gegeben: aus Mittel- und aus Südamerika, vom indischen Subkontinent, aus dem Nahen und dem Mittleren Osten, aus Südostasien, aus Europa. Doch mindestens eine entscheidende Hürde gilt es bis dahin noch zu überwinden; möglicherweise verlässt mich ganz am Ende auch der Mut. Alles kann, nix muss. In den letzten drei Jahren habe ich jedoch genau darauf hingearbeitet, mich körperlich und mental wieder so fit zu fühlen, um eine solche Herausforderung überhaupt nochmal anzugehen. Der Moment ist gekommen. Wer weiß, vielleicht heißt es in naher Zukunft wieder "Leben und Arbeiten in Peking" - wär natürlich das einfachste, dann bräuchte ich diesen Blog nicht umzubenennen, bin dessen ungeachtet aber ergebnisoffen. Bis es soweit ist, tingel ich zur Inspiration einfach noch ein bisschen in der Weltgeschichte rum.

Nach allem, was ich in den letzten Wochen und Monaten auf Bildern oder in Videos gesehen und im Internet gelesen habe, bietet meine nächste Destination - bis auf einen Irren an der Spitze - so ziemlich alles. Für ein schönes Hotel habe ich gesorgt. Abgesehen davon hat sie eine wechselvolle Geschichte und ist nicht zuletzt aus diesem Grund ein Schmelztiegel der Religionen und Kulturen mit einem entsprechend abwechslungsreichen Straßenbild und einer gleichermaßen abwechslungsreichen Kulinarik. Neben atemberaubender Architektur existiert eine vielfältige Flora und Fauna. Ein Großstadtdschungel im wahrsten Sinne des Wortes. Schon während meiner Zeit in Peking wollte ich unbedingt dorthin, doch dann kam Corona...

Bald komme ich. 

Als Großstadtdschungel-Trainingslager waren gerade nochmal zwei Tage Berlin angesagt. Die Stadt hat ja wohl sowas von eine wechselvolle Geschichte und ist auch deshalb ein Schmelztiegel der Currywürste mit oder ohne Darm und "dit is mir schnurzpiepejal". Wegen ihrer abwechslungsreichen asiatischen Kulinarik von koreanisch und vietnamesisch über japanisch bis hin zu chinesisch und thailändisch durfte die Kantstraße in Charlottenburg als Programmbaustein in meinem Trainingslager natürlich nicht fehlen.


Vielfältige - wenn auch nur geklöppelte - Fauna in brutalistischer Architektur hat Berlin ebenfalls zu bieten. Die St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg aus den 1960-er Jahren wird inzwischen als Galeriegebäude mit beeindruckendem 800 Quadratmeter großem ehemaligen Kirchenraum genutzt.


Mit einem abendlichen Bummel entlang der Spree endete dann auch schon wieder das kurze Trainingslager in Berlin.


Back in town: Hamburg - das Tor zur Welt.


Sogar'n Tick kleiner als Hamburg, mit knapp 6 Millionen Einwohnern (2023) aber deutlich dichter besiedelt und vom Äquator bummelige 150 Kilometer entfernt, gilt mein nächstes Reiseziel indes als Tor zu Südostasien. 


Wer nun einerseits immer noch im Dunkeln tappt, wohin die Reise gehen wird, andererseits kaum noch dem Reflex widerstehen kann, mit einem Rotstift den vermeintlichen Tippfehler im Titel dieses Posts auf seinem Display anzustreichen, dem würde ich gern als Hilfestellung diesen bescheuerten Ohrwurm einpflanzen. 

Donnerstag, 12. Dezember 2024

97| Helmut Newton 2.0

"Wenn Deaktiv. für Bildqualitäts-Einstellung > Auto-Update-Benutzdefinierungs-Einstell. im Fotomenü oder für Film-Einstellung > Automat. Aktual. Benutzerdef. Einst. im Filmmenü ausgewählt ist, erscheinen rote Punkte neben den bearbeiteten Elementen." ... Des Weiteren erscheinen große Fragezeichen über dem eigenen Kopf. 

Ich habe mir eine Systemkamera zugelegt, nachdem ich jahrelang eigentlich zufriedenstellend mit dem Handy fotografierte. Doch ich hatte Lust mein Hobby auf ein neues Level zu heben. 

"Vor dem Gebrauch der Kamera sollten Sie den Inhalt des Handbuchs gelesen und verstanden haben." Also mit dem Verstehen ist's momentan noch so'ne Sache. Dessen ungeachtet habe ich zum mitgelieferten Zoom-Objektiv gleich noch eines mit Festbrennweite dazugekauft. Nun heißt es Fummeln, Testen, Ausprobieren. In Kürze unternehme ich kleinere Städtereisen, da werde ich mich hoffentlich bisschen mehr in die Bedienung der Kamera reinfriemeln. Schließlich reise ich in 2025 nach ...

Berlin - ausgefallen wegen Krankheit.
Driving home for christmas - verkürzt wegen Krankheit.


Düsseldorf - immer noch nicht ganz fit. Egal, ich muss einfach mal raus. Bin verabredet und will endlich die Kamera zum Einsatz bringen. Das Hotel, frisch renoviert und gut gelegen, ist jedoch nicht gerade förderlich beim Auskurieren eines grippalen Infekts. Es ist kalt im Zimmer, kalt im Frühstücksraum, kalt in der Lobby. Beim Auschecken erfahre ich, man hätte einen Heizlüfter ausleihen können.


Naja, am Nachmittag des ersten Tages geht es ohnehin erstmal in die Nähe von Moers zum Baby angucken, auf Baumkuchen, Linsensuppe sowie Sonnnenuntergang hinter stillgelegter Zeche.


Am nächsten Tag präsentiert sich Düsseldorf nach gefühlt wochenlangem Grau in Grau in Hamburg mit blauem Himmel und Sonnenschein bei -1°C. Kilometer- und stundenlang streife ich durch die Stadt...


... im weiteren Verlauf am Rhein entlang und durch den Medienhafen.


Abenddämmerung, Sonnenuntergang und Nacht. Genau auf diese Zeit hatte ich gewartet. Nun sollte sich herausstellen, ob die Kamera mehr kann als mein Handy. Ich bin einigermaßen zufrieden.


Ich habe Hunger. Das blau erleuchtete Riesenrad weist mir den Weg zu Bratwurst und Pommes.


Müde, satt, zufrieden und mit einem letzten Blick zurück geht's heim ins Hotel. Dort wartet ein Pils, kein Alt.


Der folgende Tag ist grau, nass und kalt. Bloß gut, dass ich ab nachmittags zum Essen verabredet bin. Vorher zieht's mich trotzdem nochmal an den Rhein. Farbfotografie war gestern.


Ach, wie gut taten anschließend Gyoza, Ramen und Kirin Bier im Takumi in Little Tokyo. Später ging's noch in ein Café und'ne Kneipe. Es gab halt viel zu erzählen über alte Zeiten in Peking.

Rotterdam, Centraal Station.


Die Altstadt im Mai 1940 von der deutschen Luftwaffe dem Erdboden gleichgemacht, hat Rotterdam sich seither immer wieder neu erfunden. Mir bisher eigentlich nur als Industriestandort mit Europas größtem Hafen bekannt, hat die Stadt eine spektakuläre Skyline mit etlichen Hochhäusern und anderer spannender Architektur zu bieten, und wird deshalb auch Manhattan an der Maas genannt. Na, da bin ich doch genau richtig.


Ach nee, so:


Schon kurz nach Ankunft am späten Nachmittag im Hotel, das leider doch ziemlich weit ab vom Schuss lag, war ich vor allem entlang des Maasboulevards auf der Suche nach großartigen Ausblicken. Voilà:


Mit zunächst sonnigem Wetter, aber eisigem Wind begrüßte mich der nächste Tag. Schnell für 11 € 'ne Tageskarte für die Öffi's auf's Handy geladen (R'dam ist diesbezüglich und auch sonst kein Schnäppchen-Paradies) und ab dafür. Absolut ansehenswert sind im Gegensatz zu Kragenspange, Schulterpolster und Schlaghose, obwohl ebenfalls aus den 80-er Jahren, die Kubushäuser.


Gleich gegenüber befindet sich die 2014 eröffnete Markthal. Wie bei manch deutschem Großprojekt eher unüblich, wurden hier sowohl Baudauer als auch Baukosten eingehalten. Hufeisenförmig und 11 Etagen hoch überspannt das Gebäude, in dem sich über 200 Wohnungen befinden, den Markt mit Verkaufs- und Essensständen, Restaurants (man kann da ganz gut asiatisch essen) und Geschäften. 


Vorbei an Grachten und Hochhäusern zog ich weiter an die Nieuwe Maas.


Und über mir zogen vermehrt dunkle Wolken auf.


Ein weiterer Anlaufpunkt - mittlerweile bei Regen - war das aufsehenerregende Depot des Museums Boijmans Van Beuningen. Einen Spitznamen hat das 2021 eröffnete, für Besucher zugängliche Kunstlager auch schon: De Pot.


Nach einem Päuschen im Hotel zum trocknen und Beine hochlegen, wurd's Zeit zu Abend zu essen. Da trifft es sich doch gut, dass Rotterdam'ne Chinatown hat.


Abschließend noch eine kleine Verdauungsrunde durch den Maritiem District, einen Museumshafen.


Jetzt geht's auf'n Tee zurück ins Hotel. Es regnet immer noch.
Tags drauf nicht, drum nix wie ab an'n Strand. 


Der Hoek van Holland Strand ist von Rotterdam mit der Metro in einer guten halben Stunde zu erreichen. Leider hatte ich vergessen meine Thermobadehose einzupacken, also einfach nur dick eingemummelt am Strand spazieren gehen und zu Beginn an Überresten des Atlantikwalls einen Hauch Geschichte atmen.


Und nu lassen wir uns einfach ma ordentlich die kalte Meeresbrise um die Nase wehen.


Hat übrigens in den beiden vorangegangenen Suchbildern jemand die unerschrockenen Wellenreiter im Wasser entdeckt? (Nur, wer es noch nicht rausgefunden hat: Die Bilder können angeklickt werden; dann erscheinen sie in einer Lightbox in größerem Format.) Mir wird kalt nur vom Anblick. In die andere Richtung wirkt's fast sommerlich.


Fast. Ein heißer Tee am brennenden Tisch beschließt ein paar schöne Stunden am Meer.


Nach ein bisschen Ausruhen im Hotel war mein Ziel für den Nachmittag das historische Viertel Delfshaven, das durch den 2. Weltkrieg verschont blieb und unweigerlich Amsterdam-Stimmung aufkommen lässt.


Mein weiterer Weg führte an einem anderen Wahrzeichen der Stadt vorbei, dem Euromast, ein 185 m hoher Aussichtsturm. Ich war nicht drauf, aber er soll eine tolle Aussicht über die Stadt und den Hafen bieten. Und was ich auch erst später gelesen habe, ist, dass sich am Mast eine drehbare verglaste Kabine mit 360°- Panorama ganz nach oben schraubt. Ein Hauch von Las Vegas.


Um 20:00 Uhr lag ich im Bett mit'nem Dosenbier vor der Glotze. Muss auch ma sein.
Nachts gab's Schnee. Morgens Regen, mittags Regen, nachmittags Regen, abends Regen. Doch nur in der Hütte rumsitzen wollte ich auch nicht. Also mal eben am Regenschirmspender für 2 € Leihgebühr einen Regenschirm gezogen und 3 km zum Park Kralingse Bos geschlendert. 


Der weitläufige Park bietet Wald und See und ist - wie ich feststellen musste - selbst bei Dreckswetter beliebt bei hartgesottenen Joggern und Radfahrern. Respekt.


Ich zog es vor, nachdem ich mit nasser Hose und nassen Schuhen zurück im Hotel war, im dortigen Gym ein bisschen Sport zu machen.
Mit trockener Hose und trockenen Schuhen ging's anschließend zu Starbucks, später vorbei an der Laurenskerk und am Stadhuis und durch die ein oder andere Shoppingmeile (Die meisten Geschäfte sind sonntags geöffnet.).


Für Klobesuche griff ich meistens auf Hotels zurück und entdeckte dabei dieses elegante historische Kassiererhäuschen. Das hatte noch Stil, nix mit Untertasse auf Hocker oder Dreiarm-Drehsperre wie heutzutage.


Mit der nächsten nassen Hose und dem zweiten nassen Paar Schuhe (wegen des Regens, nicht wegen des Klobesuchs) endete schließlich mein letzter voller Tag in Rotterdam. 

Zum Abschluss folgt nun ein kleiner Zusammenschnitt von Bildern aus Düsseldorf und Rotterdam in guter alter black-&-white-Tradition:


Der Abreisetag bot dann doch noch ein ganz besonderes Erlebnis. Na, ahnt schon jemand, welchem bundeseigenen Mobilitäts- und Transportkonzern mit dem Kerngeschäft Eisenbahn ich dieses Erlebnis zu verdanken habe? Es ist nicht die Nederlandse Spoorwegen, die den ersten Teil meiner Rückreise auf die Minute pünktlich erledigte.


Die Deutsche Bahn wünscht noch einen schönen Tag ... oder was halt davon übrig bleibt. Von Tür zu Tür war ich am Ende über 10 Stunden unterwegs. Thai Airways ist andererseits nicht besser. Von Frankfurt nach Bangkok brauchen die ebenfalls über 10 Stunden. So nämlich.

Wie auch immer, Rotterdam ist eine echt coole, moderne, und - nach meiner Wahrnehmung -  multikulturelle, weltoffene Stadt und auf jeden Fall eine oder mehrere Reisen wert, das nächste Mal gern ohne Mütze, Schirm und nasse Füße. Ik kom terug, R'dam!