Samstag, 15. Oktober 2022

86| Herr Schnabel erklärt die Welt

Hello again!

Anscheinend gibt es immer noch Interessenten an meinem Blog, ganz sicher verirrt sich manch einer auch nur aus Versehen hierher, naja, jedenfalls hat die Zahl der Aufrufe inzwischen die 6000er-Marke geknackt, obwohl hier seit dem 11.07.2020 Dunkeltuten angesagt war. 

Den aktuellen Beitrag schreibe ich jedoch nicht, weil ich gerade wieder am anderen Ende der Welt verweile, sonst hieße er ja möglicherweise "Leben und Arbeiten in Tokyo" oder "Leben und Arbeiten in Oer-Erkenschwick". Erledigt hat sich zumindest auf unbestimmte Zeit "Leben und Arbeiten in Moskau". In erster Linie schreibe ich Beitrag 86| aus therapeutischen Gründen.

Vor gut zwei Jahren bin ich nach Deutschland zurückgekehrt. Zeit für ein kurzes Fazit: Das Leben in Peking war ein Adventskalender, der Alltag in Deutschland ist eher ein Abreißkalender. Und es ist viel passiert, nichts ist mehr so wie es war. Nicht alles will, nicht alles werde ich hier thematisieren. Eines schon. 

Es soll hier aber nicht um meine Wohnungssuche gehen, die sich doch langwieriger gestaltete, als ich es befürchtet hatte. Den Betreiber des Apartment-Hotels hat's sicher gefreut. Es gehört mir zwar immer noch nicht, trotzdem habe ich nach dreieinhalb Monaten Aufenthalt dort ziemlich viel Geld gelassen. Und noch zwei, drei Wochen länger im Hotel hätte ich wohl angefangen Likörelle zu malen.

Nein, ich war vor mittlerweile einem halben Jahr für mehrere Wochen in einer Reha-Klinik. Die ersten Tage fühlten sich ein bisschen nach Seniorenresidenz an: Mitpatienten fortgeschrittenen Alters, die bereits um kurz nach Fünf - aufgereiht wie auf einer Perlenschnur - vor dem Patientenrestaurant auf Einlass zum Abendbrot warteten. Herrn Schnabel allerdings habe ich nicht dort, sondern bei einem gemeinsamen Termin in der Lehrküche kennengelernt. Er hat Veggie Nuggets gezaubert (gesund, nicht lecker), während ich mich an einer süß-sauren Antipasti-Variation versucht habe (leicht verbrannt, nicht lecker). Seitdem begegneten wir uns immer wieder. Und selbst wenn er nicht zu sehen war, war doch meist zu hören, wie er anderen - ob sie wollten oder nicht - die Welt erklärte. 

Die Tage in der Reha waren geprägt von Frühstück, Mittag und Abendbrot, von den dazwischen liegenden Untersuchungen, Vorträgen, Gesprächsterminen, Sport- und Entspannungsangeboten. Viel Zeit verbrachte ich trotz allem auch in meinem in fetzigen Beige- und Brauntönen gehaltenen Zimmer, das aber absolut in Ordnung und mit einem kleinen Balkon, einem wöchentlichen Obstkorb sowie vier Notrufknöpfen ausgestattet war. Für den kleinen Appetit zwischendurch gab es ein nettes Café auf dem Klinikgelände, dem ich anfangs täglich einen Besuch abstattete um meine Elf-für-Zehn-Heißgetränk-Bonuskarte abstempeln zu lassen. Und irgendwie verirrte sich jedes Mal ein leckeres Stück Kuchen auf mein Tablett. Nach Intervention meiner Ernährungsberaterin reduzierte ich meinen Süßgebäckkonsum auf eine frisch gebackene Waffel mit warmen Kirschen und einer Kugel Eis sonntagnachmittags. Wenn das Wetter mitspielte, führte mich ein täglicher Spaziergang meist an den Ostseestrand, der etwa 900 m von der Klinik entfernt lag.


Wenn man das so liest, könnte man vielleicht meinen, ich sei zum Abspecken dort gewesen. Wer mich kennt, weiß, dass das wohl in einer Million Jahren nicht passieren würde. Der Grund war ein anderer.

Die nächsten Zeilen sind weder witzig noch kurzweilig, sondern beschreiben knapp eine für mich wahnsinnig traumatische Erfahrung.

Sonntag, 06.03.2022, 17:13 Uhr. Eine innere Stimme lässt mich die 112 wählen. Ich entschuldige mich sogar für meinen Anruf, fühlen sich die einige Minuten zuvor aufgetretenen Schmerzen eher nach – zugegebenermaßen starkem – Sodbrennen an, das mittlerweile allerdings auch in den linken Arm ausstrahlt. An etwas wirklich Ernsthaftes denke ich trotzdem nicht. Meine Schilderung der Symptome muss jedoch in der Notrufzentrale sämtliche Alarmglocken läuten lassen haben, denn schon 7 Minuten später war nicht nur ein Rettungs-, sondern mit ihm auch ein Notarztwagen vor Ort. Gerade Zeit genug für mich, noch schnell die Zähne zu putzen und die Jogginghose gegen eine vernünftige Hose zu tauschen. Nach kurzer Untersuchung erhärtete sich offenbar die Vermutung des Rettungsteams. Das nächste, woran ich mich wieder erinnere, ist der über mich gebeugte Notarzt, der mir eine Sauerstoffmaske auf das Gesicht drückt.

Ich hatte einen schweren Herzinfarkt mit anschließendem Kammerflimmern, das nur durch den Einsatz eines Defibrillators unterbrochen werden konnte. Und der mich letztendlich zurück ins Leben geholt hat. Morphium ist ein geiles Zeug, ich war entspannt - irgendwie. Nachdem ich transportfähig war, brachte man mich in die Notaufnahme eines nahe gelegenen Krankenhauses, von dort ebenso zügig ins Herzkatheterlabor, und ratzfatz war ein Stent gesetzt. Nur einer? Diese überraschte Frage hörte ich in den folgenden Wochen nun des Öfteren von Medizinern. Zwei Tage verbrachte ich auf der Intensivstation, wo sich nochmal ein kritischer Zustand einstellte, der durch zahlreich anwesendes Fachpersonal, darunter eine Intensivschwester, die mir während dieser Zeit die Hand gehalten und den Arm gestreichelt hat, einen Zentralvenenkatheter und reichlich Produkte der Pharmaindustrie stabilisiert werden konnte. Ab diesem Zeitpunkt wurde es schrittweise besser, und nach weiteren 6 Tagen Überwachung auf der Normalstation wurde ich entlassen. Dies war auch der Moment, wo mich die ganze Geschichte mit voller Wucht emotional eingeholt hat, und nun begannen erst 10 Tage voller Unsicherheit und Angst zuhause ohne medizinische Überwachung bis zum Beginn der Reha.

Ängste und Flashbacks an die traumatischen Erlebnisse im März begleiten mich seitdem, längst nicht mehr so schlimm wie in den ersten Wochen, aber doch immer mal wieder. Und auch diese Zeilen zu schreiben, hat mich einiges an Überwindung gekostet. Ich erhoffe mir davon einen gewissen therapeutischen Nutzen.

Seit jenem Vorfall bin ich nun im Besitz eines Koronarstent-Implantationsausweises, einer Tabletten-Box, einer entsprechenden Einnahmeerinnerungs-App und eines Rudergerätes. Nach schweren Wochen, eher Monaten, sowie disziplinierter Arbeit an mir selber, begreife ich den 06.03.2022 ganz langsam als Chance. Offensichtlich sollte ich die Bühne des Lebens noch nicht verlassen.

Und mit Heine: "Herz, mein Herz, sei nicht beklommen" sowie dem durchaus positiven Gedanken, statt am Bahnhof Hamburg Elbgaustraße doch lieber an der Shibuya-Kreuzung in Tokyo tot umzufallen, war ich schon drauf und dran, im November 2022 die Bewerbung für einen erneuten beruflichen Auslandsaufenthalt auf den Weg zu bringen. Diese Entscheidung habe ich nun aber doch bewusst aufgeschoben (voraussichtlich auf November 2023, vielleicht 2024). Irgendwie fühlt es sich nicht richtig an, bin ich doch immer noch nicht hundertprozentig wiederhergestellt und vollumfänglich arbeitsfähig, andererseits wissend, dass solch ein Schritt ins Ausland jede Menge Kraft und Energie von einem abverlangt.

So, genug davon, immerhin ist dies ja eher ein Reise-Blog, und dieser Informationspflicht will ich natürlich auch nachkommen, wenngleich ich leider nicht von Singapur, Südafrika oder den Seychellen berichten kann. Immerhin hat’s in den letzten Monaten u.a. für Dresden, Berlin, Edinburgh, Leipzig oder Amsterdam gereicht.

Dresden mit seiner wunderschönen Altstadt, aber auch der hippen Neustadt ist immer eine Reise wert.


In meinem Fall war diese kleine Auszeit nur zweieinhalb Wochen nach der Reha nicht zuletzt auch ein Test-Ballon, inwieweit ich längere Fußmärsche und Wanderungen schon wieder meistere. Und es ging ziemlich gut. Ausgedehnte Spaziergänge bei herrlichstem Frühlingswetter führten mich entlang des Elbufers, durch die Neustadt oder über das Blaue Wunder zum Weißen Hirschen und vorbei an den Dresdner Elbschlössern. Wunderbar wandern kann man darüber hinaus in der Dresdner Heide, einem großen Waldgebiet im Nordosten der Stadt.


Anfang Juni war ich zum x-ten Mal für ein paar Tage in Berlin und täglich im Fitnessstudio des Hotels. Es hat einfach gut getan. Naja, und was soll ich zu Berlin sagen. Ich mag diese Stadt.

Einen Monat später ging es dann für 5 Tage nach Edinburgh. Eine Reise, die ich eigentlich schon für Ostern geplant hatte, aufgrund der unvorhergesehenen Geschehnisse aber umbuchen musste. Dies war bereits mein dritter Edinburgh-Aufenthalt, gehört doch die Stadt zu meinen absoluten europäischen Lieblings-Destinationen. Dieser Urlaub war jedoch getrübt von der Tatsache, dass mein Gepäck im Gegensatz zu mir erst zweimal in Edinburgh war bzw. leider erst einen Tag nach meiner Abreise in Schottland ankam. Ab da verlor sich seine Spur, und die Hoffnung auf ein Wiedersehen schwand. Doch - oh Wunder - Wochen später wurde es mir zuhause zugestellt – feucht und (irgendwie nach Katzenpisse) stinkend, aber vollständig. 


Die Altstadt mit dem Edinburgh Castle, der Royal Mile oder dem Grassmarket Square, das Dean Village am Water of Leith, der Calton Hill mit spektakulärem Blick auf die Stadt und nicht zuletzt Arthur's Seat - um nur einige Highlights der Stadt zu nennen. Gerade Arthur's Seat, Edinburghs ca. 250 m hoher Hausberg vulkanischen Ursprungs, hatte für mich diesmal eine besondere Bedeutung, gibt es auf dem Weg nach oben einige steile und durchaus anspruchsvolle Streckenabschnitte. Intensiver und bewusster als die Male zuvor genoss ich das Kraxeln auf und die großartige Aussicht vom Gipfel auf die Stadt und die Nordsee.

Und jetzt gibt`s noch eine Restaurant-Empfehlung: China Red – ein asiatisches Buffet-Restaurant in 30 Grindlay St.. Riesige Auswahl, gute Qualität, authentischer Geschmack, Personal auf Zack, angemessener Preis. Ich bin gleich an zwei aufeinanderfolgenden Abenden dort gewesen und beide Male zufrieden und mit’ner dicken Plauze rausgegangen.

Keine zwei Wochen später stattete ich Leipzig für ein paar Tage einen Besuch ab. Thomas- und Nikolaikirche, Marktplatz, Clara-Zetkin-Park, zahlreiche Passagen und Durchgangshöfe in der Innenstadt. Es gibt manches in Leipzig zu entdecken. 

Während meines Aufenthalts dort war es aber sowas von brüllend heiß, sodass ich mich regelmäßig auf’s Hotelzimmer oder ins klimatisierte Fitnessstudio zurückzog. Am letzten Tag erhoffte ich mir etwas Abkühlung im Museum in der „Runden Ecke“ – einer Gedenkstätte in der ehemaligen Leipziger Stasi-Zentrale. Was ich mir aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dort holte, war eine Corona-Infektion, an der ich dann auch länger als eine Woche rumlaborierte.

Mitte August war ich für ein paar Tage – und zwar zum 7. Mal – in Amsterdam. Vielleicht kann man es erahnen, Amsterdam gehört zu meinen absoluten Lieblingsstädten in Europa. Und ich beginne gleich mit einer Restaurant-Empfehlung: das China Sichuan Restaurant in Zeedijk 103.

Nirgendwo außerhalb Chinas habe ich bisher so authentische Sichuan Küche gegessen. Innen alles schon ein bisschen schrammelig, fast ausschließlich asiatische Kundschaft – beides beinahe untrügliche Zeichen für gute Qualität auf dem Teller. Auch hier bin ich gleich an zwei Abenden eingekehrt. Ansonsten habe ich mich diesmal einfach entspannt durch die Stadt treiben lassen, moderne und holländische Architektur bestaunt und das schöne Wetter genossen.


Ich werde Amsterdam ganz sicher auch ein achtes Mal einen Besuch abstatten.

Samstag, 11. Juli 2020

85| Ohne Blick zurück...

... kein Blick nach vorn.


Danke all denen, die in den letzten zwei Jahren gelegentlich oder regelmäßig meinen Blog verfolgt haben. Gerade die beiden letzten Posts haben die Zahl der Aufrufe nochmal ordentlich ansteigen lassen. Es sind mittlerweile über 5000. Drama zieht.
Mit der Zeit ist der Blog für mich immer mehr zu einem Tagebuch geworden, an dem ich sehr gerne geschrieben habe und in dem ich sicher noch häufig wehmütig schmökern werde, vor allem wenn mich der Alltag in Deutschland längst wieder eingeholt haben wird.

Was bleibt?
Ich habe einen großen Schritt heraus aus meiner Komfortzone gewagt und er ist geglückt. Da hätte ich vorher nicht unbedingt drauf wetten mögen.
Ich habe den Alltag in einem völlig anderen Kulturkreis, unter widrigen (sommerlichen) klimatischen Bedingungen, trotz einer für mich kaum erlernbaren Sprache, trotz Knoblauch, Zwiebeln und Koriander im Essen gemeistert. Ganz ohne Unterstützung wäre mir das sicher nicht geglückt. Danke vor allem an die "Pekinger Musketiere".
Ich habe neue berufliche und Lebenserfahrungen gesammelt, großartige Menschen kennengelernt, spannende Länder bereist, habe dabei weit über meinen Tellerrand hinausgeschaut und desöfteren über meinen Schatten springen müssen. Eigentlich hoffte ich auch, zwei Jahre Peking würden dicke ausreichen, mich in Geduld zu üben. Das ist mir dann aber doch nur ansatzweise gelungen. Aber gut, eine Schwäche ist erlaubt.
Nicht vermissen werde ich Megafone, WebEx, den Pekinger Straßenverkehr, Rund-um-die-Uhr-Überwachung, rotzende Mitmenschen (Die Liste ist unvollständig).
Fehlen wird mir das Wagas, der Sonnenuntergang in den Bergen,


die WMF-Kaffeemaschine auf der Arbeit, tatsächlich auch wechat-pay und so manches mehr, doch vor allem viele liebe Menschen, die ich hier kennenlernen durfte, mit denen ich super wandern, quatschen, trinken, auf die ich mich verlassen, mit denen ich herrlich rumalbern konnte.
Nun heißt es, in Deutschland privat und beruflich wieder Fuß zu fassen. Bezüglich Wohnung hat sich zumindest eine interessante Option ergeben. Mal schauen. Und für den beruflichen Neustart muss ein Kugelschreiber erstmal reichen. Mehr Arbeitsmaterialien habe ich zur Zeit nicht zur Verfügung.

Trotz Höhen und Tiefen kann ich nach diesen zwei aufregenden und intensiven wie anstrengenden Jahren jedem, dem sich auch solch eine Chance bietet, nur empfehlen sie zu ergreifen. Ich würde es wieder tun. Also wer weiß, vielleicht heißt es in 3 Jahren hier "Leben und Arbeiten in Moskau" oder "Leben und Arbeiten in Nairobi". Es bleibt spannend.


Zaijian! 


Montag, 29. Juni 2020

84| Die Odyssee

1| Der Auszug (29.06.)
Es ist geschafft. Nach mehrmaligem Ein-, Aus- und Umpacken, Experimentieren mit gefalteter, gerollter, gestopfter und geknüllter Kleidung habe ich nun alle vier Koffer und Taschen mehr schlecht als recht zugekriegt. Etliches muss trotz allem hier bleiben. Blöd, aber leider nicht zu ändern. Abschließend hab ich nochmal gründlich durch die Bude gefeudelt. Wahrscheinlich ist sie jetzt sauberer als am Tag meines Einzugs.

2| Das 1. Hotel (29.06.)
Nur wenige Schritte von meinem compound entfernt, ist das Hotel eigentlich ein alter Belannter, war ich doch am Anfang meiner Pekinger Jahre schon mal Gast hier. Damals ein abgerocktes "ibis", ist es inzwischen ein renoviertes "neo citigo".


Das Zimmer ist nicht wirklich groß, aber ganz modern und vor allem sauber.


Der Check-in war - wie in China üblich - etwas aufwändiger mit mehrmaligem Kopieren des Passes, Scannen mehrerer Apps, Ausfüllen chinesischer Formulare. All das mit Unterstützung durch Translator-Apps, ist doch das Englisch der Rezeptionsdame genauso rudimentär wie mein Chinesisch.
Nu chill ich erstmal kurz auf'm Bett, bevor ich den letzten Schwung Gepäck hole. Und nachher gibt's noch ein Feierabend-Tsingtao auf der Hotel-Terrasse. Das kann ich wenigstens auf chinesisch bestellen.

3a| Die Wohnungsübergabe (30.06.)
Die hat schon mal nicht so geklappt wie geplant. Meine Maklerin hat leider den Termin verbummelt: "sorry, I totally forgot." Neuer Versuch: Heute am späten Nachmittag. 
Tja, auch der ist nicht zustande gekommen. Momentan ist meine Maklerin gar nicht zu erreichen. Ich will meine 2000 € Deposit wiederhaben.
Am Abend dann ein neuer Terminvorschlag: Morgen 10:00 Uhr. Die Kaution wird's aber erst nach einem etwa einwöchigen Prüfungsprozess zurück geben. Aha. Ob ich meine Kohle jemals wiedersehe? Den Abend haben wir im Kollegen- und Freundeskreis bei BBQ, Bier und Cocktails in der "Fressgasse" ausklingen lassen.


3b| Die Wohnungsübergabe (01.07.)
Heute nun hat es geklappt. Meine Maklerin war zwar nicht anwesend, dafür ein ausschließlich chinesisch sprechender Vertreter, aber wat soll's. Alles war tipi topi, obwohl er sehr intensiv nach Mängeln gesucht hat. In 3 - 5 Tagen soll ich die volle Kaution zurücküberwiesen bekommen. Bin ich ja mal gespannt. 
Mittags habe ich mich dann im Fitnessstudio abgemeldet, obwohl die Dame mein Begehr nicht so richtig verstand und immer wieder fragte, wann ich denn zurückkehren würde. 
Eine gut englisch sprechende Kollegin hat zudem für mich noch einen Termin in einer internationalen Klinik für einen Nukleinsäuretest vereinbart. Ein solcher negativer Test ist Grundvoraussetzung um Peking überhaupt verlassen zu können. Bezüglich der Charterflüge gibt es ärgerlicherweise nachwievor keinerlei Infos, sodass ich nun auf Plan B umschalten und morgen versuchen werde, auf einen Air-China-Flug nach Kopenhagen (montags) oder nach Paris (mittwochs) zu kommen. Umrahmt wird dieser Buchungsversuch morgen von einer Frühstücksverabredung am Vormittag und einem Grillfest am Abend.
Und ebenfalls heute ist Pekings äußerst umstrittenes nationales Sicherheitsgesetz für Hong Kong in Kraft getreten. Das Ende der Autonomie? 

4| Die 1. Buchung (02.07.)
13:40 Uhr habe ich nach einigen Anläufen und Wutanfällen die Bestätigungen für eine Flugbuchung nach Kopenhagen am kommenden Montag und zwei Stück Übergepäck erhalten. Was ich dafür hinblättern musste, sage ich hier lieber nicht. Nur soviel, der reiche Onkel aus Schina kommt zu Besuch. Wenn mit dem Flug alles klappt, betritt er am 06.07.2020 um 18:45 Uhr wieder europäischen Boden.
Angedacht habe ich, eine Nacht in Kopenhagen zu verbringen um am nächsten Tag nachmittags mit dem Zug weiter nach Deutschland zu fahren. Das war möglicherweise etwas zu kurz gedacht, immerhin komme ich nicht aus Ballerup, sondern aus Beijing. Auf meine Anfrage hin schreibt mir jedenfalls das Hotel, dass es grundsätzlich zwar wieder Gäste empfängt, in meinem speziellen Fall aber verweist es an die dänischen Grenzbehörden. Sollte ich den Transitbereich des Flughafens nicht verlassen dürfen, greift Plan C und ich werde wohl oder übel einen weiteren Flug buchen müssen. Lufthansa bietet da was Teures über Frankfurt an. 
Übrigens exakt in diesem Moment ploppt bei mir auch eine E-Mail zu den Charterflügen mit nur einer wesentlichen Information auf, nämlich dem geplanten Flugdatum. Geschenkt.

5| Der Test (03.07.)
Seit den Neuinfektionen im Juni hat Peking massiv aufgerüstet. Bei 300000 und mehr Tests am Tag sind mittlerweile um die 8 Millionen Pekinger auf das Coronavirus getestet. Und ich heute auch zum wiederholten Mal. Diesmal auf dem Parkplatz eines Krankenhauses. Der Rachenabstrich erfolgte durch das vergitterte Fenster eines Baucontainers.


Zum einen hoffe ich jetzt, dass der Test negativ ausfällt, zum anderen, dass das Ergebnis überhaupt rechtzeitig vor dem Flug am Montag ankommt. 

6| Die 2. Buchung (03.07.)
Dänen lügen nicht. Glaubhaften Informationen zufolge werde ich in Kopenhagen keine Hotelübernachtung buchen und das Flughafengebäude nur verlassen können, wenn ich mit einem gültigen Zugticket meine unmittelbare Weiterfahrt nach Deutschland nachweisen kann. Ein solches Ticket habe ich nun. Gegen Mitternacht geht's vom Kopenhagener Hauptbahnhof los. Mit Zwischenhalten an etlichen Milchkannen rumpelt der Zug dem Sonnenaufgang entgegen und wird nach etwa sechsstündiger Fahrt sein Ziel erreichen. 
In diesem Moment kursiert die Nachricht, dass kein negativer Nukleinsäuretest mehr vorgelegt werden muss, wenn man aus einer low-risk-area kommt und Peking verlassen möchte. Ich bin hier in einer low-risk-area.
Dafür erreichte mich heute nachmittag eine Nachricht aus Deutschland, die mich wirklich zurückgeworfen hat. In einer Anfrage an das Appartementhotel, in dem ich mich eigentlich für 3 bis 4 Wochen einmieten wollte, erwähnte ich, dass ich aus China nach Deutschland zurückkehre. Das war keine gute Idee. Eigentlich ging es in meiner Anfrage um etwas ganz anderes, die Antwort war aber ein herber Rückschlag: "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt uns noch keine amtliche Erklärung vor, dass die Einreisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen für Ankünfte aus China gelockert wurden.Wir bedauern es sehr und bitten um Ihr Verständnis, dass wir Ihnen nach dem aktuellem Stand der zur Verfügung stehenden Informationen trotz verfügbarer Kapazitäten im 🏫 kein Angebot für den Aufenthalt mit Ankunft am 07.07.2020 unterbreiten können."
Morgen muss ein Plan D her. Keine Ahnung, wie der aussehen könnte. Ich mag und ich kann langsam nicht mehr.

7| Ein letzter Versuch (04.07.)
Heute habe ich mich nochmal intensiv auf den Seiten des BMG und des RKI über die mich betreffende aktuelle Lage informiert. Danach sind nur diejenigen Reisenden, die aus Drittstaaten in die Bundesrepublik einreisen, verpflichtet, sich unverzüglich in eine 14-tägige Quarantäne zu begeben, die sich innerhalb von 14 Tagen vor der Einreise in einem Risikogebiet aufgehalten haben. Nach Informationen des Robert-Koch-Instituts vom 03.07.2020 gehört China nicht zu den Risikogebieten. Dies habe ich auch dem Appartementhotel mitgeteilt in der Hoffnung, dass ich dort doch noch wie geplant einen Longstay-Aufenthalt buchen kann.

8| Noch 24 Stunden China (05.07.)
Das Ergebnis meines Coronatests ist gerade noch rechtzeitig angekommen. Der Flughafen-Shuttle für morgen mittag ist organisiert. Bezüglich meiner Kaution habe ich bisher nur die Info, was aufgrund von ausstehenden Nebenkosten noch abgezogen wird. Das Appartementhotel hat sich auf meine Nachricht bisher nicht nochmal gemeldet. Der Online-Check-In für den Flug ist nicht möglich. Und es ist ein komisches Gefühl, an manchen Orten das letzte Mal gewesen, manche Wege zum letzten Mal gegangen zu sein.

9| Der Flug (06.07.)
Auf dem Weg zum Flughafen zeigt uns der Fahrer unseres Busses einen laminierten Zettel, auf dem in Englisch geschrieben steht, was wir im Falle einer Polizeikontrolle sagen sollen, nämlich dass wir mit dieser Fahrt keinen Taxi-, sondern einen Freundschaftsdienst in Anspruch nehmen. Um das Flughafengebäude zu betreten, ist ein erster Gesundheitscheck zu bestehen, meinen negativen Coronatest will jedoch niemand sehen. Um in den Abflugbereich zu gelangen, muss eine App heruntergeladen und mit einer Menge von Daten gefüttert werden. Dann wirft sie einen QR-Code aus, der beim eigentlichen Gesundheitscheck nur gescannt werden muss. Es dauert eine Ewigkeit. Das Personal scheint überfordert, soll doch für jeden Passagier anschließend noch ein Blatt ausgedruckt werden.


Nach einer Weile kommt einer der Mitarbeiter auf die Idee, die Papierschublade des Druckers zu öffnen. Und siehe da, es liegt nur noch ein halb zerrissenes Blatt drin. Doch es geht trotzdem nicht voran. Nach langen Minuten des Wartens ist schließlich der Fehler gefunden. Der Drucker war nicht angeschaltet.
In Zeitlupe erfolgte anschließend auch die Sicherheitskontrolle. Ein Glück, dass wir drei Stunden vor Abflug am Airport waren und unser Flug der einzige internationale Flug dieses Tages war.


Der Flieger selber war schon bisschen abgewohnt, die Bordunterhaltung konnt man vergessen, aber wenigstens gab's was zu essen und stilles Wasser. Überpünktlich um 18:24 Uhr Landung in Kopenhagen. Hier habe ich noch ein wenig Zeit verbracht mit Kollegen, die wie ich noch eine Weiterreise vor sich haben.

10| Die Zugfahrt (07.07.)
Gegen 22:45 Uhr war ich am Kopenhagener Hauptbahnhof, von dem es 1 Stunde und 20 Minuten später los gehen sollte.


Eine Bahnfahrt in einem schrammeligen Zug, die sich endlos hinzieht. In diesem Moment ist es 04:15 Uhr (in Peking wäre es schon 10:15 Uhr) und draußen zieht plattes Land vorbei.


Ich bin seit mehr als 24 Stunden auf den Beinen und noch ist die Odyssee nicht vorbei.

11| Das 2. Hotel (07.07.)
Pünktlich wie die Maurer fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Gepäck zum Taxistand gewuchtet und ab zum Hotel. Dort konnte ich schon - trotz sehr früher Stunde - ein Zimmer, oder besser eine Koje beziehen. Wahrheitsgemäß kreuzte ich an, dass ich die letzten 14 Tage in keinem Risikogebiet war. Den wahren Ursprung meiner Reise verschwieg ich.


Ich bin frisch geduscht und draußen kreischen die Möwen. Die Elbe ist nur einen Steinwurf entfernt.


Und gleich geht's zum Bäcker auf'n Pott Kaffee und zwei Mett-Brötchen.
Aber auch jetzt ist die Odyssee noch nicht vorbei. In diesem Hause hab ich mich erstmal nur für die ersten beiden Nächte eingemietet. Und hier sitze ich nun und telefoniere mit meiner Versicherung, meinem Hausarzt, dem Gesundheitsamt. Infolgedessen bin ich dann gleich noch nach Pinneberg gefahren, weil meine dortige Hausarztpraxis Coronatests durchführt. Läppische 150 € kostet mich dieser eigentlich völlig unnötige Spaß, aber das Appartementhotel besteht auf  einen aktuellen Test, worüber übrigens auch der Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, mit dem ich vorhin telefonierte, nur den Kopf schütteln konnte. Aber sei's drum. Der wahre Kulturschock des Tages war Pinneberg selber. Vor kurzem noch Peking, jetzt Pinneberg. Einen größeren, vom menschlichen Verstand noch verarbeitbaren Kontrast kann es nicht geben.
Und mein Jetlag schlägt jetzt - nach mehr als 36 Stunden auf den Beinen - mit aller Wucht zu. Heute geht's früh ins Bett.

12| Durchatmen (08.07.)
Nach erholsamer Nacht (gut, kurz nach 3 Uhr morgens war ich kurzzeitig mal hellwach) habe ich heute vormittag mal nur geatmet. Saubere, frische Luft, bei um 20 Grad tieferen Temperaturen als in Peking.


Dass die Möwe mich nach diesem Filmchen angreifen wollte und eine halbnackte, offensichtlich völlig zugedröhnte "Dame" mittleren Alters zu Techno aus dem Handylautsprecher tanzend an mir vorbeischwebte, erleichtert mir das Ankommen in Hamburg.
Und bei Pfefferminztee sitz ich nun gerade im Hotel und kümmer mich bisschen um Organisatorisches.
Feierabend. Genug geatmet und organisiert.


13| Das Appartement (09.07.)
Während ich heute morgen bei Regen und 12°C auf und an den Landungsbrücken noch ein bisschen geatmet habe, kam das Ergebnis meines PCR-Tests. Wie erwartet, negativ. Nun sollte meinem Umzug nacher ins serviced Apartment nichts mehr im Wege stehen.
Die Taxifahrt einmal quer durch die Stadt hat mich an Peking erinnert, was den Stau angeht. Für die Kosten allerdings hätte ich dreimal quer durch ganz Peking fahren können. Is nu so. Jedenfalls bin ich jetzt für die nächsten Wochen am vorläufigen Ende meiner Odyssee.


Hier lässt es sich'ne Weile aushalten. Jeden Morgen Frühstück und zweimal die Woche wird durch die Bude gefeudelt. Allerdings werde ich nochmal mit dem Front Office Manager ins Gespräch kommen. Denn niemand hat sich für meinen 150 Euro teuren Coronatest interessiert.
Dafür hab ich inzwischen meine Kaution zurücküberwiesen bekommen, und sogar mehr als ich erwartet habe. Sicherheitshalber hab ich flugs mein chinesisches Konto bis auf den letzten Groschen leergeräumt.
Und ich werde jeden Groschen brauchen, wenn ich denn eine neue Wohnung gefunden habe. Irgendwann.