Freitag, 20. März 2020

79| Nu reicht's auch mal

Ich hab keine Lust mehr auf das die ganze Welt beherrschende Thema. Wenn auch nicht mehr China, sondern mittlerweile Europa und sicher bald Amerika die dramatischsten Entwicklungen durchmacht. Einzig hilfreiche Maßnahme ist vermutlich wirklich das vorübergehende strikte Einschränken sozialer Kontakte - social distancing.
Zur Ablenkung gibt's erstmal ein bisschen Klassik auf die Ohren. Nein, um Gottes Willen nicht von mir.
bam - The Sound of Bamberg Symphony:


Inzwischen liegen 7 Wochen Home-Office hinter uns. Heute, am Freitag, den 20.03. haben wir uns mit ein paar Kollegen bei 20°C und Sonnenschein an einem Kanal zum Picknick getroffen - soviel zum Thema "social distancing".


Trotz zahlreicher Verbotsschilder...


...nutzten wagemutige Einheimische den Kanal zum Schwimmen und eine der Brücken als Sprungturm.


Doch auch ohne Badehose nutzten viele Chinesen das schöne Wetter und die einladende Uferpromenade zum Spazierengehen oder zur Ausübung ihres Hobbies.


Dass allerdings Picknicken - mitten in der Stadt, als Ausländer, in diesen Zeiten - keine so glorreiche Idee war, mussten wir sehr bald feststellen.
Mehrfache Aufforderungen von patrouillierenden "Aufsehern", sofort das Essen wegzuräumen, Masken zu tragen und Abstand zu halten, Beschimpfungen durch Passanten und zum großen Finale dann die Auflösung der unerlaubten Versammlung durch herbeigerufene Uniformierte. All das begafft, fotografiert und gefilmt von so manchem Schaulustigen. Ein unangenehmes Szenario. Naja, wir hätten sicher auch vorher drauf kommen können.
Nun sitz ich wieder in meinem Home-Office, plane schon mal die 8. Woche vor und hab kiloweise Rohkost im Kühlschrank liegen. Eigentlich wär jetzt Vorfreude auf den Osterurlaub angebracht. Ich wäre gern nochmal nach Japan gereist. Hoch lebe der Konjunktiv II.

Durch den Sturm vorgestern hat sich mein Wohnzimmerfenster irgendwie so verzogen, dass es sich nur noch mit roher Gewalt öffnen lässt und das jetzt, wo sich die Bude schon wieder ganz ordentlich aufheizt. Aber nun kann ich wenigstens meine neuen Business-Anzüge auftragen.


Hmmm, innerhalb kürzester Zeit ein explosionsartiger Anstieg der Aufrufszahlen dieses Posts, und das aus ominösen Quellen, die auf Twitter und Facebook zurückzuführen sind. Sind hier social bots am Werk? Oder ein Virus? Du lieber Himmel, jetzt auch schon im Netz!?
Ich hab sicherheitshalber mal ein paar Schlüsselwörter aus dem Post entfernt. "Badehose" und "Rohkost" lass ich erstmal drin.
Oder hat es schlichtweg mit dem geschlossenen Forum zu tun, von dem aus kurz vor dem Anstieg der Aufrufszahlen auf meinen Blog zugegriffen wurde? Das Impressum verrät, wer Administrator dieses Forums ist. 
Nun ist mein Blog zwar öffentlich zugänglich, aber in erster Linie für Kollegen, Freunde, Familie gedacht - und für gewisse Leute eben nicht.

Auf Empfehlung eines Kollegen haben wir heute, Sonntag, den 22.03. zu Dritt eine kleine Radtour gemacht zu einem wunderbaren Cafe.


Innen schön und relativ leer, auf der Terrasse auch schön und relativ voll. Und wir durften sogar zu Dritt an einem Tisch sitzen. Guter Kaffee, leckere Waffeln.


Das oben rechts im Bild ist aber nicht der Kaffee. Wobei eigentlich doch. Ist der Aschenbecher, gefüllt mit Kaffeepulver.

Home-Office hat den Vorteil, dass der Wecker nicht um 6:30 Uhr klingelt und man sich die Arbeitszeit einigermaßen frei einteilen kann. So bin ich denn heute Mittag einfach ein bisschen am Beijing Greenway spazieren gegangen.


Halt, das ist er gar nicht. Moment. So, jetzt aber.


Letztendlich sind der Beijing Greenway die Uferpromenaden des Kanals, an dem wir vor 3 Tagen unseren Picknick-Versuch unternommen hatten. Unter anderem führt er vorbei am Lama-Tempel.


Zu folgendem Bild kann ich nur sagen: "Klar, da geht doch noch was."


Ich möchte an dieser Stelle übrigens sehr den Podcast "Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten" empfehlen. Zu finden ist er bei NDR-Info, in der ARD Audiothek oder direkt hier.
In Zeiten von fake news und großer Verunsicherung informiert der Leiter der Virologie in der Berliner Charite tagesaktuell, kompetent und unaufgeregt.

Und während China in fünf Stunden (28.03.2020 ab 0:00 Uhr) komplett dicht macht für Ausländer, scheint auf der Baustelle gegenüber langsam wieder Arbeitsalltag einzukehren. Jedenfalls hat heute morgen schon mal eine Handvoll Arbeiter geräuschvoll Bretter und Rohre von einer Seite auf die andere geworfen.
China - aus Sicht manch eines deutschen Drogeriemarkt-Kunden sicherlich ein Paradies...


Andererseits aber auch nicht. Seit heute vormittag geht bei mir die Klospülung nicht mehr. Und wie mir meine Maklerin auf Bitte um Klärung soeben antwortete, betrifft dies alle Appartements oberhalb des 20. Stocks. Es müssen kaputte Teile ausgetauscht werden. Aber in ein, zwei Tagen sei alles wieder gut. 😳

Wie weit geht Peking? - Mit diesem Betreff ging heute eine E-Mail an meine Kollegen und mich raus. Ich dachte schon, was denn nun schon wieder für neue Regeln und weitere Einschränkungen? Es war aber eine Info-Mail bezüglich der Stadtgrenzen Pekings. Wer nämlich während der freien Tage rund um Ostern Ausflüge plant, sollte dabei tunlichst vermeiden Pekings Stadtgrenzen zu überschreiten, sonst findet man sich anschließend für 14 Tage im Quarantäne-Lager wieder. Nicht ganz unwichtiger Hinweis in der Mail: "Stadtgrenzen und Maßnahmen können sich jederzeit ändern."

Heute ist Donnerstag, der 02.04.2020. Morgen nochmal Home-Office, vielleicht auch noch ein bisschen am Wochenende, und dann geht's in die wohlverdienten freien Tage rund um Ostern. Urlaub - beschränkt nur auf die Stadt Peking, wenngleich deren Verwaltungsgebiet ca. 1000 Quadratkilometer größer ist als Schleswig-Holstein. Sollte im Urlaub Langeweile aufkommen, eine Dienst-Mail von heute nachmittag enthielt die erlösende Botschaft: "Sollte ein Dienstgeschäft erledigt werden müssen, so kann das jeweilige Dienstgebäude zu Dienstzeiten betreten und dem Dienstgeschäft nachgegangen werden."
Wie es nach den freien Tagen weitergeht, ließ unsere heutige Dienstbesprechung offen. Alles ist ungewiss. Aufkeimende Sorge in China vor einer zweiten Infektionswelle lässt eher skeptisch in die Zukunft blicken. Im Mai sollte ich eigentlich wieder in Seoul aushelfen. Daraus wird schon mal nix. Und ernsthafte Planungen mit Blick auf den Sommer - sehr zweifelhaft.

Samstag, der 04.04.2020, 10:00 - 10:03 Uhr: Die Fahnen wehen auf Halbmast, das ganze Land steht für 3 Minuten weitgehend still, Autos hupen, Sirenen heulen. Gedacht wird in dieser landesweiten Traueraktion der Opfer der Pandemie und der vielen Helfer im Kampf gegen das Virus.

Übrigens selbst wenn ich die ominösen Aufrufszahlen von vor etwa zwei Wochen großzügig herausrechne, freue ich mich inzwischen über tausendmal mehr Aufrufe als Follower meines Blogs. So ist's mir lieber als andersrum. Was sollte ich auch mit 4000 Followern, die meine kleinen Geschichten rund um's Leben und Arbeiten in Peking nur viermal aufgerufen hätten?
Danke für das immer noch bestehende Interesse. 


Dienstag, 3. März 2020

78| Corona, a never-ending story?

Als ich den vorangegangenen Post begann zu schreiben, dachte ich, dieser ganze Spuk sei in zwei, drei, vier Wochen wieder vorbei. Am A**** die Räuber - wie eine chinesische Redensart so schön sagt.
Für abverkaufte Schutzmasken gibt es inzwischen zwar Alternativen.


Auch gibt's hier keine Hamsterkäufe, wie man es in den deutschen Medien aus deutschen Supermärkten hört. Klar, manche Regale sind nicht mehr gut bestückt, aber Klopapier gibt's reichlich. Es kehrt insgesamt wieder etwas mehr Leben in Peking ein. Von einer Normalisierung kann allerdings überhaupt nicht die Rede sein.
Heute hatten wir erneut eine Dienstversammlung. Meine Arbeitsstelle bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Mögliche Szenarien, wie es weitergehen könnte, sind kolossal absurd. Bei so Manchem sind die Nerven inzwischen zum Zerreißen gespannt. Bei mir ist sowas von die Luft raus.
Und ob ein Oster-Urlaub möglich sein wird, steht völlig in den Sternen. Gebucht habe ich unter den gegebenen Umständen jedenfalls noch nichts. Dabei wäre ein Tapetenwechsel jetzt, wo das Einkaufen fast die aufregendste Abwechslung vom stundenlangen, eintönigen Arbeiten am Laptop, gelegentlichen Dienstversammlungen und Workshops ist, dringend angezeigt, um das Stimmungsbarometer etwas aufzuhellen.

Gestern Workshop, heute Workshop: Ausgabeformat auf MP4-Muxer einstellen, Kanäle verwalten, X264-Kodierer wählen, virtuelle Meetingräume einrichten, Link-Einstellungen ändern, Zugriffe verwalten...mir raucht der Kopf von dem ganzen IT-Zauber.
Am Tor meiner Wohnanlage stehen seit heute, den 05.03. nicht mehr zwei Wachleute in Muammar-al-Gaddafi-Phantasieuniformen (wenn auch nicht ganz so schillernd), sondern es sind ein rotes Zelt und bis zu zwei Leute in blauen Ganzkörper-Schutzanzügen dazu gekommen.


Ich bin ein Expat - holt mich hier raus.

Anhand des Lokals "Wagas", das nun zumindest wieder halbtags von 12 bis 18 Uhr geöffnet hat, möchte ich mal exemplarisch beschreiben, wie "gemütliches" Essengehen zur Zeit in Peking funktioniert:
Mehrere Warnzettel an der Tür, neben dem Eingang ein Klapptischchen mit Desinfektionsmittel, Fieberthermometer und einer Liste, in die man seinen Namen, seine Telefonnummer und die gemessene Körpertemperatur einträgt (Namen und Telefonnummer schreibt man natürlich unleserlich). Was bin ich bei dieser ständigen Fiebermesserei zur Zeit froh, dass die Körpertemperatur nicht mehr auf die Art gemessen wird, wie zu meinen Kindheitstagen, aber das nur am Rande. Bestellung aufgeben (man hat immerhin die Auswahl aus drei Pastagerichten), Platz nehmen an einem Einzel- oder maximal einem Zweiertisch. Das Essen wird serviert - in einem Einweg-Napf und mit Einwegbesteck. Man hat das Lokal noch nicht ganz verlassen, da werden Sitzplatz und Tisch schon desinfiziert. 
Das ist aber nichts gegen McDonalds: Dort ist mittlerweile die Bestellung nur noch über die App möglich (und damit für mich unbrauchbar, da komplett auf chinesich). Warten in einem mit gelb-schwarzem Absperrband gekennzeichneten Bereich mit einem Mindestabstand von einem Meter zum Bedienungstresen. Und dann aber nix wie raus mit seiner Tüte.
Ketten wie "Wagas", McDonalds oder Starbucks, wo man im Moment den Kaffee auch nur vor der Tür trinken darf, werden diese Zeiten sicher überstehen, aber was ist mit den vielen kleinen Läden, Lokalen und Dienstleistern, die nun auch schon seit Wochen geschlossen haben müssen? Wirtschaftliche Existenzen abertausender "kleiner Leute" gehen vor die Hunde. Ein Glück, dass mein Friseur sein Handwerk wieder in den angestammten Räumlichkeiten ausüben darf:


Und die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Weltwirtschaft sind überhaupt noch gar nicht abzusehen, die Börsen kennen zur Zeit jedenfalls nur eine Richtung...abwärts. Kann nicht wenigstens einmal auch jemand an meine Altersvorsorge denken? Gestärkt aus dieser Misere wird vermutlich nur die Klapptischchen-Branche hervorgehen.

So, und nach etlichen Stunden Home-Office heute am Samstag, den 07.03. ist es mir ein inneres Bedürfnis, hier zu teilen, was eine Kollegin heute postete:


Offiziellen Zahlen chinesischer Behörden zufolge zeichnet sich bei Neu-Infektionen mit Covid-19 in China ein Abwärtstrend ab. Im Gegensatz dazu sind die Lebensmittelpreise deutlich gestiegen. Um über 20 % im Februar gegenüber dem Vorjahresmonat. Ein bisschen Geld habe ich aber gerade noch in der Schatulle, und so beantwortete ich heute eine Einladung zu Senf-Eiern mit einer Gegen-Einladung ins "Da Giuliano", einem italienischen Bäckerei-Cafe mit gutem Kaffee und leckeren Törtchen in der Nähe der Deutschen Botschaft. Drinnen freundliches Mailand, draußen grobschlächtiges Peking. Beide eint der Kampf gegen eine weitere Ausbreitung des Corona-Virus. Deshalb auch hier Klapptischchen am Eingang und auf ausreichend Abstand getrimmte Sitzordnung:


Ein Platz mit X - das war wohl nix.

Heute, am 11.03. bin ich ohne Vorwarnung von meinem Tisch aufgesprungen und spontan zur Verbotenen Stadt gefahren. Ein sehr wirksames Mittel gegen Home-Office. Nun wusste ich natürlich, dass die Verbotene Stadt ebenfalls geschlossen ist. 


Aber bei angenehmen 8-10 Grad und strahlendem Sonnenschein kann man auch wunderbar die gut 5 Kilometer drum herum spazieren. 


Auf dem Rückweg wollte ich noch schnell in den kleinen Supermarkt huschen unten in meiner Mall. Dort reicht nun seit heute eine Körpertemperaturmessung zum Betreten des Marktes nicht mehr aus. Jetzt soll man vorher einen QR-Code scannen und dann der entsprechenden App vollen Zugriff auf's eigene WeChat-Profil erlauben. Geht's noch? Ich mein, ich bin hier eh schon im kränksten Überwachungsstaat der Welt, und nun soll ich meine persönlichen Daten auch noch für 3 Möhren preisgeben. Ich habe "cancel" gedrückt und bin gegangen. Das ist dann halt ein weiterer Eingriff ins alltägliche Leben, den man hier erdulden muss.
Aber dafür mach ich heute rein zufällig und seit langem mal wieder den Fernseher an, und was sehe ich - alle Sender sind wieder da. Anscheinend hat mein Vermieter die IPTV-Gebühren bezahlt.
Heut abend mach ich mir'n ganz gemütlichen chinesischen Fernsehabend. 
Gerade laufen auf nahezu allen Kanälen die CCTV-Hauptnachrichten. Von 19:00 bis 19:55 wird das ganze Volk von einem humanoiden Moderations-Roboter über die Errungenschaften der Kommunistischen Partei unterrichtet.


Und jetzt: exzessives Zappen durch die Kanäle, Tüte Chips und'n Glas Wein dazu. Perfekt.


Bei all den Beschränkungen, denen man hier tagtäglich ausgesetzt ist, brauchte ich mal wieder das Gefühl in einer Großstadt zu leben, so brach ich heute, am 12.03. zum frühen Abend Richtung CBD (Central Business District) auf.
Hmmm, wo geht's lang?


Hier wohl nicht:


Als alter Pekinese mit untrüglichem Orientierungssinn (und Navigations-App) hab ich natürlich den Weg gefunden.


Zurück hab ich's Fahrrad genommen mit einem Zwischenstopp in Sanlitun.


Und von hier sind's mit dem Rad auch nur noch etwa 20 Minuten bis zu mir nach Hause.

Mittags mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Einkaufen:
Wenn der Postmann zweimal hupt...


und...


...Parken für Fortgeschrittene.

Heute Nachmittag kam wieder eine Info-Mail vom Auswärtigen Amt, in der über die aktuell erheblich verschärften Quarantäne-Regelungen für nach China Einreisende informiert wurde. Das kann im schlimmsten Fall bis zu einer 14-tägigen Unterbringung in einer zentralen Quarantäneeinrichtung gehen, für die man dann auch noch selber die Kosten zu tragen hat. Wenn ich daran denke, dass sich dieser Tage eigentlich Besuch bei mir angemeldet hatte. Das wär ein unvergessliches China-Abenteuer geworden. Woran ich bei diesen verschärften Regelungen wohl nicht mehr denken brauche, ist ein Oster-Urlaub. Die Hoffnung auf ein paar Tage Auszeit ist mit der heutigen Mail so gut wie verpufft.
Bloß gut, dass meine Hausapotheke für alle Fälle bestens ausgestattet ist.


Montag, der 16.03.: Ab heute werden die Quarantäne-Regelungen für nach Peking Einreisende abermals verschärft. Jetzt ist der 14-tägige, selbst bezahlte Aufenthalt in einem zentralen Quarantänelager für alle verpflichtend. Dort geht's direkt nach dem Aussteigen aus dem Flieger mit einem Sammeltransport hin. Hat nicht doch jemand nochmal Lust, mich spontan in dieser freundlichen, wunderschönen Stadt besuchen zu kommen? Mal raus aus dem infektiösen Europa? 
Ab heute ebenfalls offiziell: Für meine Kollegen und mich gilt über Ostern "Ausreisesperre aus Peking". Wer schon gebucht hat, muss stornieren. Ich könnt einfach nur noch laut 'Kakao' schreien.
Darauf erstmal Mittagspause im "Wagas":


Back to the early 90's. Erinnert mich an Heiße Hexe an der Aral-Tanke. Nur besser.

Grüße gehen raus nach Europa. Steht es durch und bleibt gesund! Von China lernen heißt siegen lernen. 😏
Und mal ein paar Wochen weitgehend Zuhause bleiben zu müssen, ist so langweilig nun wiederum auch nicht. Ich frag mich bloß, warum in einer Packung 12937 Reiskörner drin sind, und in der anderen 12988. 🤔

Mittwoch, der 18.03.: Inzwischen ist hier voll der Frühling ausgebrochen. Heute soll schon die 24°C-Marke geknackt werden. Derweil schottet sich Peking noch drastischer von der Außenwelt ab. Schließlich lauert - nach chinesischer Denkart - die Gefahr ja mittlerweile nicht mehr im eigenen Land, sondern wird von außen eingeschleppt. Internationale Flüge dürfen nicht mehr in Peking landen, sondern werden auf Inlandsflughäfen umgeleitet. Die Passagiere werden noch im Flugzeug untersucht, und nur wer symptomfrei ist, wird nach Peking transportiert.
Aber Grenzschließungen, Ausgangssperren, Flugverbote, Ausnahmezustände europa- und weltweit. Apokalyptisch.
Die Pekinger Stadtregierung bietet als Ausgleich für die drakonischen Maßnahmen und Beschränkungen seinen Einwohnern nun exklusives Reisefeeling in den eigenen vier Wänden. 
Heute Kreuzfahrt bei Windstärke 6:





Montag, 3. Februar 2020

77| Beijing, the corona-edition

Peking wirkt zur Zeit ein bisschen gespenstisch, andererseits total schön. Fast wie eine mecklenburgische Kleinstadt.
Zum einen hat's gestern - und das ist eher selten - geschneit.


Zum anderen ist es gerade herrlich ruhig in der Stadt. Man hört in Peking Vögel zwitschern. Die Baustelle vor meinen Fenstern ist verwaist. Kaum Autos auf den Straßen, nur wenige Menschen unterwegs.


Und das, obwohl die Chinese-New-Year-Ferien eigentlich wieder zu Ende sind. Doch viele Geschäfte, Dienstleister und Restaurants haben wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr durch das neue Corona-Virus geschlossen. Aber keine Sorge, es gibt (bisher) keine Lieferengpässe. Das Einkaufen gestaltet sich nur noch etwas umständlicher als sonst.
Überall hängen rote Warnzettel, denen meine Übersetzungs-App nur ansatzweise einen Sinn verleihen kann: "Großes Zuhause gut! ... Mit dem Körper während der Zeit geöffnet, kann elektrisch sein."
An neuralgischen Punkten, wie U-Bahn-Stationen sind inzwischen Wärmebildkameras zur Kontrolle der Körpertemperatur installiert. Bei der Menge an Überwachungskameras hier fällt das aber nicht weiter ins Gewicht.
Paketboten und Lieferdienste dürfen manche compounds, so auch meinen, nicht mehr betreten, und so werden Päckchen oder bei McDonalds bestellte Burger auf einem Tisch vor dem Tor abgestellt.


Die Seite der Pekinger Stadtregierung empfiehlt größere Menschenansammlungen wie z.B. in überfüllten Kaufhäusern, Schachzimmern oder Mahjong-Hallen zu meiden sowie zuhause gut zu lüften und der körperlichen Verfassung entsprechende Indoor-Aktivitäten zu betreiben. Unter Führung der Kommunistischen Partei wird aber alles gut.
Auf derselben Seite fand ich eine offizielle Zahl aktuell in Peking am Corona-Virus Infizierter (02.02., 12:00 Uhr): 192. Einwohnerzahl in Peking (2019): 19,6 Millionen. Macht einen Prozentsatz von 0,00098 % an Infizierten in Peking, wobei die Dunkelziffer um einiges höher liegen dürfte.
Die Maßnahmen der chinesischen Behörden mögen übertrieben wirken, sind vor dem Hintergrund der hohen Bevölkerungsdichte in den Städten in gewisser Weise nachzuvollziehen, haben aber mit Sicherheit auch eine nicht zu unterschätzende innenpolitische Komponente, die Stärke und Durchsetzungskraft des Regimes demonstrieren soll. Was die (westlichen) Medien und die sozialen Medien im Internet aus dieser Krisensituation machen, ist in meinen Augen zum Teil haarsträubend und schürt unnötig Angst und Hysterie.
Wir werden hier regelmäßig durch unsere Arbeitsstelle in Kooperation mit dem deutschen Botschaftsarzt auf den neuesten medizinischen und (arbeits-) organisatorischen Stand gebracht. Darüber hinaus gibt es ebenso regelmäßige Informations-Mails vom Auswärtigen Amt bzw. der deutschen Auslandsvertretung in China zum aktuellen Stand der Entwicklung.
Soweit meine Erfahrungen und Eindrücke, die sich mir derzeit in Peking bieten.

Inzwischen habe ich mein Home-Office weitestgehend eingerichtet, es ist ausreichend Kaffee im Haus, Chips und Schokolade liegen in Griffnähe um mein Laptop herum verteilt, an dem ich die nächsten Wochen meine Arbeit verrichten soll und über das alle aus der Arbeitsgruppe in Bangkok gelacht haben. Weiß gar nicht, warum. Es ist ein schlankes und modernes Gerät von 2009.
Heute vormittag hatten wir die vorerst letzte Dienstbesprechung, in deren Anschluss unsere Arbeitsstelle bis mindestens 16. Februar geschlossen und regelmäßig mit Desinfektionsmittel eingenebelt wird. Wie es danach weitergeht - zum gegenwärtigen Zeitpunkt völlig ungewiss.
Nun gibt's erstmal Abendbrot. Ich habe in einem Supermarkt abgepacktes, aus Deutschland importiertes Vollkornbrot ergattert - zwei Packungen für umgerechnet fast 10 Euro. Eine liebe Kollegin hat mir eine Tupperdose selbstgemachte Kartoffelsuppe mitgegeben. Die nächsten Tage muss ich das Haus nicht unbedingt verlassen. Ein paar meiner körperlichen Verfassung entsprechende Indoor-Aktivitäten bei geöffnetem Fenster sollten reichen.

Mittwoch, der 05.02.: Gestern war ich mit einer Kollegin im fast menschenleeren Peking spazieren. Es war kalt, sonnig und sehr gute Luft. Und zumindest bei McDonalds bekommt man auch noch einen Kaffee. 
Das Auswärtige Amt hat für China eine Teilreisewarnung ausgesprochen, dabei hätte ich gerade jetzt etwas mehr Zeit für Besuch. Und auch wenn ich es momentan überhaupt nicht in Betracht ziehe, so gibt es seit gestern zumindest den Hinweis des Auswärtigen Amtes: "Sollten Sie sich in China aufhalten, erwägen Sie in Anbetracht der zunehmenden Einschränkungen Ihre vorübergehende bzw. vorzeitige Ausreise.".
Wie ich in unserem Kollegen-Chat erfuhr, ist man da in Bayern schon ein bisschen weiter:


Dazu passt auch folgende ganz aktuelle Nachricht:


Donnerstag, der 06. 02.: Soeben kam die Info, dass die Schließung unserer Arbeitsstelle aufgrund der sich aktuell verschärfenden Situation mindestens den gesamten Monat Februar andauern wird. Kein Mensch weiß, wie sich das Ganze noch entwickeln wird und wann die Ersten hier einen Lager-Koller erleiden werden.

Freitag, der 07.02.: Heute mal eine tagesaktuelle Zeichnung zum alles beherrschenden Thema in China und dessen (nicht nur medizinische) Tragweite.


Die Geschichte hinter diesem Bild kann hier in China eine enorme Sprengkraft entwickeln.
Ansonsten vormittags 4 Millionen E-Mails abgearbeitet. Dann Winterspaziergang.


Anschließend weitere 4 Millionen E-Mails weggearbeitet. Es warten schon die nächsten in der Leitung.

Samstag, der 08. 02.:  Es ist nichts passiert, außer dass ich auf dem eisglatten Radweg mit dem Fahrrad ausgerutscht und in eine schneebedeckte Hecke gefallen bin.

Dienstag, der 11.02.: Körpertemperaturmessung und Maskenpflicht in Supermärkten u. a. öffentlichen Orten. Heute möchte man das Home-Office aber sowieso nicht ohne Maske verlassen.


Ich wohne unter der 287, also nur "very unhealthy" und nicht "hazardous".

Donnerstag, der 13.02.: Chinesische Behörden haben ihre Erfassungsmethoden "überarbeitet". Danach ist nun die Zahl der am Corona-Virus Infizierten sprunghaft gestiegen. Ich gebe meinem heutigen Tag in Anlehnung an "3 Engel für Charlie" den Titel "3 Fiebermessungen für ein Baguette".

Samstag, der 15.02.: Irgendwas ist immer. Nachdem es in letzter Zeit gut lief mit dem VPN, ist seit gestern mal wieder Schicht im Schacht. Ich habe zwar noch ein zweites (funktionierendes) VPN auf dem Handy - sonst könnt ich auch gar nicht diese Zeilen schreiben - aber das ist nur eine Notlösung.
Naja, wenigstens hat der starke Wind Pekings Luft sauber gepustet und einen ungetrübten Blick auf die Berge freigegeben.


Sonntag, der 16.02.: Draußen fegt ein eisiger Wind durch Peking. Ach, was sag ich, nein, auch durch meine Butze. Undichte Fenster, ein Spalt zwischen Wohnungstür und Fußboden, dass man'ne Scheibe Toastbrot durchschieben könnte und dazwischen steht meine Couch. Darauf sitzt es sich wie auf dem Pinneberger Marktplatz. In Ermangelung eines Zuglufttiers hab ich jetzt'ne lange Hose zu einer Wurst gerollt vor den Türspalt gelegt. Nu geht's.
Derweil wird hier die nächste Stufe der Corona-Rakete gezündet. In meinem compound bekommt jetzt jeder Bewohner einen Passierschein um die Wohnanlage betreten oder verlassen zu können.

Montag, der 17.02.: Nachdem man mich heute fast nicht mehr zum Einkaufen aus meiner Wohnanlage heraus lassen wollte, habe ich meine Maklerin wegen des Passierscheins in die Spur geschickt, immerhin muss ich morgen früh zu einer Dienstbesprechung. Jetzt hab ich ihn, allerdings nur gültig in Verbindung mit dem Reisepass.
Langsam wird's hier wirklich absurd und nervig.

Donnerstag, der 20.02.: Mein VPN läuft seit gestern nachmittag wieder. 08:00 Uhr morgens ist in der U-Bahn eigentlich absolute rush hour und dichtes Gedränge. Normalerweise.


Ich bin auf dem Weg zu Workshop-Angeboten, mit denen man uns in Windeseile zu IT-Experten machen will.
Die Einschränkungen im Alltag schlagen sich langsam aber sicher auch in der allgemeinen Stimmung nieder. Eine Kollegin erzählte, dass sie gestern in einem der wenigen noch geöffneten Restaurants essen waren, aber nicht zu Viert an einem Tisch sitzen durften. Der kleine Sohn einer anderen Kollegin feiert morgen Geburtstag, nur leider ohne Gäste, weil in deren Wohnanlage Fremden der Zutritt nicht mehr gestattet ist.
Doch auch positives ist zu vermelden: Es gibt seit Ewigkeiten mal wieder meinen Wein. Heute Abend wird sich meine Stimmung aufhellen.
Ich empfehle an dieser Stelle den knapp halbstündigen Beitrag des ZDF-China-Korrespondenten Ulf Röller zur aktuellen Lage in China sowie den medizinischen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Epidemie. Zu finden in der ZDF-Mediathek oder hier.

Mittwoch, der 26.02.: Der Winter weicht dem Frühling und mir fällt die Decke auf den Kopf. So hab ich das Home-Office einfach mal für ein paar Stunden verlassen. Spazieren gehen im Yuan Dynasty Capital Wall Site Park. Ein etwa 10 m hoher Erdwall lässt die alte Stadtbefestigung erahnen.


Anschließend gab's noch moderne Architektur auf die Augen, um dann wieder für mehrere Stunden auf den Computerbildschirm zu starren.


Donnerstag, der 27.02.: Heut war ich mit dem Taxi unterwegs, und mein Fahrer war der chinesische MacGyver, der sich aus Plastikstangen, Folien und Tesa eine Infektionsschutzfahrerkabine gebastelt hat.


Sonntag, der 01.03.: Ausflug in den Purple Bamboo Park im Nordwesten Pekings. Wie der Name schon sagt, ein Park mit viel Bambus,  mehr als 50 verschiedene Arten.


Die im Park befindlichen Seen sind bereits während der Ming Dynastie angelegt worden.


Ein wirklich schöner Park mit so mancher lauschigen Ecke.


Montag, der 02.03.: Ich sehe endlich nicht mehr aus wie Robinson Crusoe - mein Friseur hat wieder auf. Und jetzt kann er mal so richtig sein handwerkliches Können unter Beweis stellen, dass er sich nicht mit dem Kamm in den Bändern der Atemmaske verfängt oder sie gleich mit der Schere durchtrennt. 


Obacht im Fahrsuhl. Nicht mehr als vier Leute und - bitte - jeder bleibt in seinem Quadranten.