Mittwoch, 16. April 2025

99| Here is SG

Die Hauptinsel des Stadtstaates, die von rund 60 teils natürlichen, teils künstlichen Inseln umgeben ist, trägt den ältesten überlieferten Namen für Singapur - Pulau Ujong, was soviel bedeutet wie Insel am Ende einer Halbinsel. Einer Legende nach gab ihr im 14. Jahrhundert ein Prinz aus Sumatra, der wohl auf der Flucht oder auf der Jagd war, dabei vermutlich einen Tiger entdeckte, den er aber für einen Löwen hielt, den Namen Singha Pura - die Löwenstadt. Ab 1819 Handelsposten der britischen East-India-Company, dann britische Kronkolonie, 1963 Föderation mit Malaysia, bereits zwei Jahre später unabhängige Republik. So, genug angelesenes Halbwissen verbreitet, Bildungsauftrag erfüllt.

Ich bin unterwegs, weder auf der Flucht noch auf der Jagd, sondern auf der Reise zur Insel am Ende einer Halbinsel, der ich seit 239 Tagen entgegenfiebere. Pröschtli.

Nach einem gut einstündigen Zwischenstopp in Zürich ist das Boarding für den Direktflug zum Singapore Changi Airport nun im Gange.


Ja, ok, der feine Herr hat sich, als wäre er der Prinz aus Zamunda, Business erlaubt und hier kackfrech noch'n extra Sitzmöbel für keine 20 € die Stunde im Stübli, der kleineren der beiden Business-Class-Kabinen. Mehr Privatsphäre, etwas mehr Platz. Singapur möchte schließlich von einem einigermaßen ausgeruhten und gut gelaunten Reisenden entdeckt werden.


And now... Here is SG.


Schon nach der ersten Nacht ist ein Teil der Mission erfüllt: Singapur kann von einem ausgeruhten, gut gelaunten und - gleich nach dem Frühstück - auch gesättigten Reisenden entdeckt werden.


Am Vorabend war ich nach pünktlicher Landung und bereits 90 Minuten späterer Ankunft im Hotel nur noch mal eben zu bester Tagesschau-Zeit - wie das vorletzte und die nachfolgenden Fotos zeigen - an der Marina Bay. Atemberaubend. 


Und der Blick aus meinem Hotelzimmer macht jeden Tag aufs Neue Lust darauf. Ich müsste nicht mal das Bett verlassen. 


Am ersten Tag ging es aber doch erstmal, weil's von meinem Hotel praktisch nur die Straße rüber ist, in den Fort Canning Park. Hier befand sich u.a. der erste botanische Garten der Stadt. Von der in den 1860-er Jahren erbauten britischen Festung existieren nur noch das Eingangstor und Überreste der Mauer. Das Tor wird gemalt, im Fort Canning Tree Tunnel - im mittleren der folgenden drei Bilder zu sehen - fotografiert als gäb's kein Morgen. Der Schlange der Wartenden nach zu urteilen, der place to be um sich instagrammable ablichten zu lassen. Ich hab mich fix von der Seite angeschlichen, abgedrückt und das Bild minimal nachbearbeitet um einen störenden Kopf zu entfernen.


Nächstes Ziel: Chinatown. Na klar. Dort stattete ich allerdings erst dem Sri-Mariamman-Tempel, dem ältesten Hindu-Tempel Singapurs aus dem Jahre 1827 einen kurzen Besuch ab. Schuhe aus und rein in die gute Stube.


Mich faszinieren immer wieder diese fremdartige Stimmung, die unbekannten Riten, die Gerüche, die ungewohnten Klänge in solchen religiösen Stätten. 


Weiter ging's mit dem Buddha Tooth Relic Temple, an dem der Zahn der Zeit noch gar nicht so sehr genagt hat, fand seine Eröffnungszeremonie doch erst 2007 statt. 


Als ich den Tempel betrat, dachte ich kurz, in der angrenzenden Hundred Dragon Hall findet eine Bingo-Veranstaltung für chinesische Senioren statt, es war dann aber anscheinend doch praktizierter chinesischer Buddhismus.


Tja, ansonsten hat mich Chinatown nicht ganz so gepackt. Die Foodstreet weitestgehend leer gefegt und auch sonst war es in den Gassen nicht so quirlig wie ich es z. B. aus Chinatown Bangkok kenne.


Sicher ist das Viertel am Abend etwas lebendiger. Tagsüber haben viele Einheimische den Karfreitag wohl doch eher zum Wäsche machen genutzt.


Im Hintergrund des nächsten Bildes sieht man schon, wohin ich anschließend geschlendert bin: Pinnacle@Duxton, die höchsten Gebäude öffentlichen Wohnungsbaus. Warum erzähl ich das? Ich bin hier nicht auf Wohnungssuche, aber auf der 50. Etage verbindet eine für die Allgemeinheit zugängliche Skybridge die insgesamt 7 Hochhäuser. Wie sich herausstellen sollte, kein must have, aber für 6 S$ völlig ok.


Was mich hier in Singapur allemal fasziniert, ist die zukunftsweisende grüne Architektur. Ganz im Gegensatz dazu das gerade neu eröffnete Westfield-Überseequartier in der Hamburger Hafencity: Ringsum kaum Grün, eine Ödnis aus Pflastersteinen und Beton. Wie man sieht, es geht auch anders.


Ein Highlight im weiteren Verlauf des Tages waren ganz klar die Supertrees in den Gardens by the Bay und die dort allabendlich stattfindende Licht- und Musikshow "Garden Rhapsody". Die beeindruckenden Glasgewächshäuser Cloud Forest und Flower Dome habe ich leider nicht von innen besucht; ein paar Attraktionen muss man sich ja auch noch für's nächste Mal aufsparen. 


Der Rückweg führte auf einer separaten Fußgängerbrücke durch das Luxus-Hotel Marina Bay Sands und eine absurd große Mall an die Marina Bay.


Die jeden Abend dort stattfindende Licht- und Wassershow "Spectra" kann man mal mitnehmen, muss man aber auch nicht; allein die Kulisse und die Atmosphäre beeindrucken auf's neue. 


Neben all dem Sightseeing darf natürlich der Sport nicht zu kurz kommen, deswegen ging's vor dem Frühstück nicht in den Pool, eine Badehose hatte ich nämlich vergessen, dafür ins Gym ...


... und später bei schweißtreibender Luftfeuchtigkeit zunächst in das im Viertel Katong gelegene Joo Chiat. Dieser eher dörfliche Stadtteil mit seinen hübsch renovierten sogenannten Shophouses bildet einen krassen Kontrast z.B. zur hypermodernen Marina Bay.


Die hohe Luftfeuchtigkeit war offensichtlich ein Vorbote für den Starkregen und das Gewitter um die Mittagszeit, die ich zunächst vor, dann doch lieber in einem Café überbrückte, danach stand Kampong Glam, das muslimische Viertel Singapurs, mit der Arab Street, der Sultan-Moschee und der Haji Lane auf dem Programm.


Eine Moschee wird immer ohne Schuhe und mit bedecktem Bein, zumindest bis über's Knie, betreten! Der flotte Rock war aber nicht etwa Teil meiner Reisekleidung, sondern eine Leihgabe des Gebetshauses.


Über Umwege, denn ich wollte mal einen Blick auf den 45 m hohen Selbstbedienungs-Automaten für gebrauchte Nobelkarossen werfen, der tagsüber leider recht unspektakulär daher kommt ...


... erreichte ich später am Nachmittag den Mount Faber Park, einen der ältesten Parks der Stadt, der vom ca. 100 m hohen Mount Faber ganz nette Ausblicke durch dichtes Grün auf die Skyline und den Hafen ermöglicht. 


Zurück bei einem erfrischenden Heineken im Hotel war das Tagwerk jedoch immer noch nicht vollbracht. Little India wartete am Abend auf mich.


Viele kleine Läden und Lokale, der Sri Veeramakaliamman Tempel, der leider schon zu hatte, jede Menge Trubel auf den Straßen und die ein oder andere ziemlich huschelige Seitengasse - ganz untypisch für Singapur. Trotzdem, nein, wahrscheinlich gerade deshalb ein sehr spannendes und authentisches Viertel.

Heute am Ostersonntag ist Green Day. Bei ganz angenehmem Wetter (also über 30 Grad sind's tagsüber in der Regel immer, aber heute mit gut zu ertragender Luftfeuchtigkeit) ging es als erstes in den Botanischen Garten - super schön, nicht ohne Grund UNESCO-Welterbestätte und meistbesuchter botanischer Garten der Welt. Besonders angetan haben es mir der Evolution Garden und der Regenwald, durch den ein Holzsteg führt.


Diese neu erlangte Faszination für Regenwald führte mich direkt weiter zum Bukit Timah Nature Reserve. Dieses Naturschutzgebiet besteht zumindest teilweise aus primärem Regenwald, den es innerhalb von Stadtgrenzen neben Singapur nur noch in Rio de Janeiro gibt, wie bei Wikipedia zu lesen ist. Wie auch immer, die Wanderung bei zwar etwas kühleren Temperaturen als in der Stadt, dafür einer um einiges höheren Luftfeuchtigkeit war eine beeindruckende Naturerfahrung.


So viel mehr Bilder sind hier auch gar nicht entstanden, weil ich zum einen wie ein Schwein geschwitzt, zum anderen einfach den Wald mit all seinen Geräuschen auf mich wirken lassen habe. Zur Wahrheit gehört, dass die folgende Aufnahme die einzige ist, die mir ohne drüber fliegende Flugzeuge und ohne lärmende andere Ausflügler gelungen ist. Es ist nun mal trotz allem Stadtgebiet. 


Das Donnergrollen in der Ferne und der leichte Regen sind vielleicht etwas schwer rauszuhören, aber der Abstieg vom Bukit Timah Hill, der mit gut 163 m höchsten Erhebung Singapurs, war ohnehin so gut wie geschafft und nur noch ein kurzer Abstecher zum Hindhede Quarry, einen vollgelaufenen ehemaligen Granitsteinbruch am Rand des Bukit Timah Nature Reserve, geplant.


Merke: Regenwald bedeutet Regenwald. 
Aus Green Day wurde Gray Day und aus einer kurzen Stippvisite am Lookout-Point schlappe anderthalb Stunden.


Abends zurück im Hotel war vom Gewitter nichts mehr zu merken und so bin ich, müde zwar, aber sehr zufrieden, nochmal zu einem entspannten Bummel am Singapore River entlang, beginnend an der farbenfrohen Old Hill Street Police Station, aufgebrochen.


Doch kaum hatte ich meine Kamera für den Heimweg im Rucksack verstaut, stand ich vor dieser verlockenden Pfütze mit der National Gallery im Hintergrund.


Mit viel Grün begann auch der folgende Tag, wenngleich nicht so naturbelassen, sondern nach allen Regeln der chinesischen und japanischen Gartenkunst hergerichtet. Die Chinese and Japanese Gardens liegen auf zwei durch Brücken verbundenen Inseln im Jurong Lake zwar schon etwas ab vom Schuss im Westen Singapurs, sind mit der Metro trotzdem gut zu erreichen und eine klare Empfehlung für Singapur-Reisende. Während mich der chinesische Garten wirklich sehr an meine Zeit in China erinnert hat und dessen Bonsai-Garten nochmal ein besonderer Anziehungspunkt ist...


...strahlt der japanische Garten geradezu meditative Ruhe aus, insbesondere der Sunken Garden, der eine Kalksteinhöhle mit sanft einfallendem Sonnenlicht und an den Wänden herunterplätscherndem Wasser versinnbildlichen soll.


Nur vorübergehend wurde die Ruhe im japanischen Garten durch einen vorlauten Papagei gestört, der mit seinem etwas schüchternen Kumpel und seinem kamerascheuen Frauchen eine Ausfahrt machte.


So, und nach einem entspannten Päuschen mit erfrischendem Mango-Smoothie beim "Ice Cream Man & Friends" nehm ich euch für einen Augenblick mit in den Sunken Garden.


In einem größeren Kontrast dazu konnte mein Nachmittagsprogramm kaum stehen - die Straßenschluchten von Downtown Singapur. Hier interessierte mich u.a. Marina One, ein 2018 eröffneter Gebäudekomplex, dessen vier Wohn- und Bürohochhäuser das Green Heart, die größte öffentliche Grünfläche im Marina Bay Central Business District, umschließen. Habe ich mir natürlich alles angelesen, wollte es aber eben auch mit eigenen Augen sehen.


Ähnlich imposant ging's weiter, nicht jedoch bevor ich mir im Lau Pa Sat, einem historischen Hawker Center, umringt von den Hochhäusern des Central Business Districts, ein verspätetes Mittag genehmigt hatte.


Thai Basil Chicken und anschließend noch ein kleines Törtchen. Singapurs Hawker-Kultur ist Teil des immateriellen Kulturerbes der UNESCO, bietet chinesische, malaiische, indische und weitere internationale Speisen und das im Falle von Lau Pa Sat in einem zu den Seiten hin offenen achteckigen Gebäude aus dem Jahre 1894, das sogar zum Nationaldenkmal erklärt wurde. Gestärkt tauchte ich in die faszinierenden Straßenschluchten von Downtown ab.


Und hätte ich nicht zwischendurch auch kurz mal den Blick gesenkt, wäre mir glatt der kleine Fuk Tak Chi Tempel durch die Lappen gegangen, der 1820 von chinesischen Einwanderern gebaut und 1998 in ein Museum umgewidmet wurde.


Keine 300 m von diesem Kleinod entfernt befindet sich mein einziger im Vorfeld geplanter Programmpunkt, der Sky Garden at Capita Spring im 51. Stock eines der höchsten Gebäude der Stadt, für dessen Besuch man 14 Tage zuvor ein halbstündiges Zeitfenster kostenfrei reservieren kann. Alle anderen Aktivitäten auf dieser Reise haben sich, abgesehen von vorab gesetzten Points of Interest, immer erst beim oder nach dem Frühstück ergeben.


Es kam wie es kommen musste: Ein viertel Stündchen vor meinem gebuchten Zeitfenster setzten starker Regen und heftiger Wind ein. Der Sky Garden in etwa 280 m Höhe war nun für Besucher gesperrt. Nicht jedoch The Green Oasis, ein vertikaler Park, der sich von der 17. bis zur 20. Etage erstreckt.


Der Regen war mittlerweile nicht mehr ganz so ergiebig, der Wind hatte ebenfalls etwas nachgelassen. Mit dem Gedanken, eventuell ein späteres Zeitfenster zugewiesen zu bekommen, betrat ich den Fahrstuhl. An Bord waren nur zwei Leute, wie sich herausstellte Mitarbeitende des Restaurants im 51. Stock, und mit denen fuhr ich doch noch ganz nach oben. Ich hatte den Sky Garden mit lediglich einer Handvoll Anderer und dem Koch des Restaurants, der im Dachgarten gerade frische Kräuter zupfte, fast für mich alleine.


Zurück im Hotel - es regnete immer noch - belohnte ich mich mit ein paar Häppchen und einem, ach nein, zwei eiskalten Heineken. Immerhin war dies mein letzter Abend in dieser aufregenden Metropole. 


Doch zum späteren Abend nun plötzlich dies - leichter Kopfschmerz. Corona womöglich? Man weiß es nicht. 


Tatsächlich war die Nacht nicht so richtig erholsam. Drum ließ ich's am letzten Tag ganz entspannt angehen. Bis zum Check-out um 14:00 Uhr waren's noch ein paar Stündchen und so bummelte ich nach Gym und ausgiebigem Frühstück nochmal Richtung Chinatown. 


14:00 Uhr verlasse ich das Hotel Richtung Singapore Changi Airport. 
Nachdem ich so 20 Minuten in der Metro sitze, schleicht sich durch eine Synapse ganz behutsam von hinten eine Frage an: "Wo ist denn eigentlich dein Pass?" Achja, im Zimmersafe!! Obwohl ich ein Hotelzimmer nie verlasse, ohne fast zwangsgestört in Regalen, Schubladen, Schränken, hinter und unter Möbelstücken nach vergessenem Zeug zu schauen, habe ich den Safe diesmal nicht bedacht. Also Kehrtwende und zurück zum Hotel. In der Zwischenzeit gibt's hier einfach noch eine kleine Auswahl an Bildern im smartphonefreundlichen 9:16-Format auf die Augen, die es bisher nicht in diesen Post geschafft haben.


15:00 Uhr verlasse ich das Hotel Richtung Singapore Changi Airport. 
Dieser Flughafen zählt zu den Größten Asiens und wurde 2025 zum wiederholten Mal zum besten Flughafen der Welt gekürt. Davon wollte ich mich nun selbst überzeugen.
Flap Pix: Eine ausgediente Flughafeninformationstafel projiziert ratternd und klappernd Selbstportraits. Herrlich nostalgisch. 


Ja, ich sehe heut ein bisschen müde aus. Was für Augenringe: @--,@ und -,.-@.
The Wonderfall: Ein 14 m x 17 m großer digitaler Wasserfall in der Abflughalle des Terminals 2 lässt einen fast vergessen sein Gepäck aufzugeben. Imposant. 


Jewel Rain Vortex: Noch ein Wasserfall, diesmal in echt und mit 40 m Höhe der größte Indoor-Wasserfall der Welt, umgeben von tropischem Grün. Muss man mal erlebt haben. 


And now... Here is SW.


Ein großartiger Städtetrip neigt sich leider seinem Ende zu. 


Singapur hat meine Erwartungen voll erfüllt. Es zeigt sich überall seine wechselvolle Geschichte als auch die Vielfalt der Religionen und Kulturen mit einem entsprechend abwechslungsreichen Straßenbild und einer gleichermaßen abwechslungsreichen Kulinarik. Neben atemberaubender Architektur existiert eine vielfältige Flora und Fauna. Ein Großstadtdschungel im wahrsten Sinne des Wortes.

Einige meiner Points of Interest sind allerdings noch offen geblieben...



Mittwoch, 19. Februar 2025

98| Vom Sin des Lebens

Zum Zeitpunkt ihrer Buchung waren es ganze 239 Tage bis zu meiner nächsten Fernreise. Nun ist sie zwar schon deutlich näher gerückt, trotzdem braucht's noch etwas Geduld. Genug Zeit um vorab mal ein bisschen über den Sinn des Lebens zu philosophieren.

Im Jugendweihe-Buch "Vom Sinn unseres Lebens", dem laut Wikipedia meistgedruckten Buch in der DDR und dem laut mir (vermutlich) ungelesensten Buch in der DDR aus den 1980-er Jahren, das ich wie Hunderttausende andere Jugendliche überreicht bekam, heißt es: "Ein sinnvolles Dasein ist ohne erfolgreiche Arbeit undenkbar, gleichzeitig können wir uns ein erfülltes Leben wohl auch nicht ohne angenehm verbrachte Freizeit vorstellen. Wir sind keineswegs Anhänger eines kargen oder bitterernsten Lebensstils. Unser Optimismus fordert zu Freude und Frohsinn geradezu heraus. Beides hat natürlich bei unserer Arbeit und bei unseren politischen Aktionen seinen berechtigten Platz. In der Freizeit [...] finden Freude und Frohsinn ihren besonderen Ausdruck." Dunkel erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an das 'Lager für Erholung und Arbeit' in den Sommerferien der 8. Klasse. Äpfel pflücken in Eschenhörn - tschakka, alle drei Umlaute in einem Satz. Gleichermaßen fanden alle naselang an Pioniernachmittagen und im FDJ-Studienjahr, Sommer 1986 und 1988 im Wehrlager, ...

... bei gelegentlichen Subbotniks samstags sowie regelmäßigen Fahnenappellen montags, und - nicht zu vergessen - beim Sammeln von Flaschen, Gläsern, Altpapier und deren Abgabe in der von Frau Febrow mit eiserner Hand geführten SeRo-Annahmestelle Freude und Frohsinn ihren besonderen Ausdruck. 

Und heute? Seit ich im Sommer 1990 nach Zuarbeit von David Hasselhoff den Streckmetallzaun der innerdeutschen Grenze an der Elbe bei Dömitz abmontierte, muss ich weder Steine von Äckern sammeln noch Bremskolben von Panzerspähwagen fetten, und ich brauch keine Rentner mehr wegen Altglas rausklingeln. Einer erfolgreichen Arbeit, die zu Freude und Frohsinn herausfordert...haha, gehe ich natürlich dennoch nach. Angenehm verbrachte Freizeit ist für mich aber seit dem Studium fast untrennbar mit dem Reisen verbunden.

Einen wesentlichen Anteil am seit damals regelmäßig ausbrechenden Reisefieber hatte nicht zuletzt mein bester Studienfreund, den ich vor meinem geistigen Auge immer noch in Handschellen vor dem 'Circus Circus' in Las Vegas sehe. Zum kaputtlachen fanden's nur wir anderen Vier. You live on in my heart, rest in peace, my friend. 

Insbesondere wegen meiner eigenen Grenzerfahrung vor nun mehr 3 Jahren will ich auch nichts mehr aufschieben. Noch möglichst lange möchte ich fremde Länder entdecken, andere Kulturen kennenlernen, futuristische und historische Architektur bestaunen und, ja, auch schöne Hotels genießen dürfen, so wie es das Jugendweihe-Buch ganz bestimmt mit: "Als Touristen in befreundeten Ländern weiten wir unseren Blick." meinte. Die Betrachtungsweise, was ein befreundetes Land ist, hat sich seither radikal verändert, und allem Anschein nach schwingen in immer mehr Staaten Irre das Zepter; nicht nur beiderseits der Beringstraße. Richtig ist und richtig bleibt jedoch, das Reisen weitet den Blick. 

Das Leben und Arbeiten in einem fremden Land sowieso. Knapp 5 Jahre nach meiner Rückkehr aus China habe ich erste wichtige Schritte unternommen auf dem Weg zu einem erneuten beruflichen Auslandsaufenthalt - sicher nicht vor 2026. Und nach heutigem Stand (Update: Dezember 2025) hat es schon mehrere Anfragen gegeben: aus Mittel- und aus Südamerika, vom indischen Subkontinent, aus dem Nahen und dem Mittleren Osten, aus Südostasien, aus Europa. Doch mindestens eine entscheidende Hürde gilt es bis dahin noch zu überwinden; möglicherweise verlässt mich ganz am Ende auch der Mut. Alles kann, nix muss. In den letzten drei Jahren habe ich jedoch genau darauf hingearbeitet, mich körperlich und mental wieder so fit zu fühlen, um eine solche Herausforderung überhaupt nochmal anzugehen. Der Moment ist gekommen. Wer weiß, vielleicht heißt es in naher Zukunft wieder "Leben und Arbeiten in Peking" - wär natürlich das einfachste, dann bräuchte ich diesen Blog nicht umzubenennen, bin dessen ungeachtet aber ergebnisoffen. Bis es soweit ist, tingel ich zur Inspiration einfach noch ein bisschen in der Weltgeschichte rum.

Nach allem, was ich in den letzten Wochen und Monaten auf Bildern oder in Videos gesehen und im Internet gelesen habe, bietet meine nächste Destination - bis auf einen Irren an der Spitze - so ziemlich alles. Für ein schönes Hotel habe ich gesorgt. Abgesehen davon hat sie eine wechselvolle Geschichte und ist nicht zuletzt aus diesem Grund ein Schmelztiegel der Religionen und Kulturen mit einem entsprechend abwechslungsreichen Straßenbild und einer gleichermaßen abwechslungsreichen Kulinarik. Neben atemberaubender Architektur existiert eine vielfältige Flora und Fauna. Ein Großstadtdschungel im wahrsten Sinne des Wortes. Schon während meiner Zeit in Peking wollte ich unbedingt dorthin, doch dann kam Corona...

Bald komme ich. 

Als Großstadtdschungel-Trainingslager waren gerade nochmal zwei Tage Berlin angesagt. Die Stadt hat ja wohl sowas von eine wechselvolle Geschichte und ist auch deshalb ein Schmelztiegel der Currywürste mit oder ohne Darm und "dit is mir schnurzpiepejal". Wegen ihrer abwechslungsreichen asiatischen Kulinarik von koreanisch und vietnamesisch über japanisch bis hin zu chinesisch und thailändisch durfte die Kantstraße in Charlottenburg als Programmbaustein in meinem Trainingslager natürlich nicht fehlen.


Vielfältige - wenn auch nur geklöppelte - Fauna in brutalistischer Architektur hat Berlin ebenfalls zu bieten. Die St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg aus den 1960-er Jahren wird inzwischen als Galeriegebäude mit beeindruckendem 800 Quadratmeter großem ehemaligen Kirchenraum genutzt.


Mit einem abendlichen Bummel entlang der Spree endete dann auch schon wieder das kurze Trainingslager in Berlin.


Back in town: Hamburg - das Tor zur Welt.


Sogar'n Tick kleiner als Hamburg, mit knapp 6 Millionen Einwohnern (2023) aber deutlich dichter besiedelt und vom Äquator bummelige 150 Kilometer entfernt, gilt mein nächstes Reiseziel indes als Tor zu Südostasien. 


Wer nun einerseits immer noch im Dunkeln tappt, wohin die Reise gehen wird, andererseits kaum noch dem Reflex widerstehen kann, mit einem Rotstift den vermeintlichen Tippfehler im Titel dieses Posts auf seinem Display anzustreichen, dem würde ich gern als Hilfestellung diesen bescheuerten Ohrwurm einpflanzen.