Montag, 1. Juli 2019

57| Stampfkartoffeln mit Senf

So, bevor morgen, am 02. Juli 2019, um 14:50 Uhr der Flieger abhebt Richtung good old Germany mit Zwischenstation in Kopenhagen, muss ich hier nochmal klar Schiff machen.
Die letzten Tage waren immer ziemlich lang und anstrengend: Konferenzen, Feiern, Einladungen, Verabschiedungen.
Und ein rein beruflicher Besuch im Happy Valley - einem Vergnügungspark im südlichen Peking. Für chinesische Verhältnisse war der sogar ganz gut gemacht.

 
 

Das Ganze allerdings bei brüllender Hitze, sodass ich mir einen amtlichen Sonnenbrand geholt habe - einen Dienst-Sonnenbrand sozusagen.
Eigentlich keinen Tag in den letzten Wochen hatten wir mal Tagestemperaturen unter 34 - 35 °C, nachts "kühlt" es ab auf "erfrischende" 22 - 24 °C. In den letzten zwei, drei Tagen lagen allerdings auch die Luftwerte zahlenmäßig in diesem Bereich. Ich kann seit langem mal wieder die Berge aus meinen Fenstern und einen blauen Himmel sehen.

Die Aktivitäten auf den Baustellen vor meinen Fenstern nehmen Fahrt auf. Die Halle linker Hand ist doch nicht abgebrannt und auch nicht abgerissen worden, sondern wird offensichtlich aufgehübscht. Auf der Baustelle rechter Hand werden Betonpfähle in den Boden eingelassen und wie wild mit Baggern und Presslufthämmern rumhantiert. Und das sieben Tage die Woche.


Heute wurde ich zudem Zeuge einer Zeremonie, wo vermutlich zum heiligen Bob (dem Baumeister) gebetet wurde. Unter zwei Baggerschaufeln hindurch schritten die Arbeiter auf einem roten Teppich zu einem Schrein oder etwas ähnlichem, vebeugten sich mehrmals und brachten anscheinend Opfergaben dar, was weiß ich, vielleicht Maulschlüssel oder 0,8-er Schweißdraht. 
 

Seit gestern feudel ich durch die Wohnung, hab schon sämtliche Stecker gezogen und Hähne geschlossen, die ich nicht mehr brauche. Morgen vormittag erledige ich den Rest, packe meine Taschen, und dann versiegel ich die Wohnung für die nächsten vier Wochen.
Heut war ich extra nochmal im Ikea um eine große Schüssel zu kaufen, in die ich meine zwei spärlichen Zimmerpflanzen reinstellen möchte in der Hoffnung, dass sie die Zeit nur mit ihren Füßen im Wasser, aber ohne liebevolle Ansprache überleben.
Heute vormittag war ich allerdings ganz entspannt mit einer lieben Kollegin frühstücken. Fast drei Stunden haben wir gegessen, gequatscht, Kaffee und Cappuccino getrunken. Es hat ein bisschen gedauert, bis sie ihr Frühstück mit Tomaten anstelle von Lachs bekam, da sie Vegetarierin ist. Englisch versteht in dem Laden aber niemand wirklich, und so wird einfach immer wieder freundlich genickt bei ihrem Extrawunsch, so dass man den Eindruck haben konnte, sie hätten verstanden. Gebracht haben sie dann aber doch dasselbe Frühstück wie mir. Naja, irgendwann bekam sie aber dann doch, was sie bestellte. Da bin ich echt froh, dass ich auch Fleisch oder fleischähnliche Produkte, wie Köttbullar bei Ikea essen kann.
Sie isst dort immer nur Stampkartoffeln mit Senf.


Update vom 02. Juli, 13:15 Uhr ( Peking-Time):
Das Gepäck ist zum Airport gewuchtet und eingecheckt. Zusätzlich zu meinen Siebensachen nehme ich noch die Posaune einer Kollegin mit nach Hamburg. Der Flug ist lang genug, vielleicht studier ich noch ein Stück ein. 
In einer Stunde beginnt das Boarding.

Update vom 02. Juli, 14:00 Uhr:
Soeben habe ich mich vom ordnungsgemäßen Verladen meines Gepäcks überzeugt.


Die Posaune auf dem Rücken, komme ich mir ein bisschen vor wie ein Star-Posaunist auf dem Flug zum nächsten Konzert. Mir scheint, als schauten mir die Leute wie einem Piloten bewundernd hinterher. Wenn die wüssten, dass ich nicht mal ganz genau weiß, wie das Instrument auf meinem Rücken eigentlich aussieht.

Update vom 02. Juli, 14:55:
Boarding completed, doch pünktlich zum geplanten Start zieht ein heftiges Gewitter über den Pekinger Flughafen. Ich hoffe, die Verspätung wird nicht all zu lang. Immerhin habe ich nur eine Stunde zum Umsteigen in Kopenhagen.
Tja, und in diesem Moment kommt die Durchsage, dass wir wohl noch eine Stunde am Gate stehenbleiben müssen. Passagiere  mit Anschlussflügen sollen sich aber keine Sorgen machen, schließlich könne man umbuchen oder eine Nacht ins Hotel gehen. Ich bin begeistert.

Update vom 02. Juli, 17:20 Uhr:
Ich habe WiFi im Flieger. 15:38 Uhr sind wir vom Hof gerollt, 16:09 kam allerdings die Durchsage, dass vorübergehend wieder alle Startvorgänge ausgesetzt werden. 16:34 Uhr hebt der Flieger endlich ab in den etwas verregneten Himmel über Beijing.


16:56 Uhr dann die finale Durchsage, dass wir mit 45-minütiger Verspätung in Kopenhagen landen werden. Erwische ich möglicherweise noch meinen Anschlussflug? Die nächsten 10 Stunden heißt es jetzt: Abwarten und Gin trinken.


Update vom 02. Juli, 18:30 Uhr:
Während 10 Kilometer unter dem Flugzeug braunes Nichts vorbei zieht (Die Mongolei? Keine Ahnung, außer Höhe und Außentemperatur gibt's keine Infos. Brandenburg wird's ja noch nicht sein.), ziehen auf meinem Tischchen Brot & Butter, gemischter Salat, Prosciutto mit Mozzarella, gebratener Lachs, dark chocolate ice cream und immer wieder Pinot Grigio vorbei.

Update vom 02. Juli, 21:10 Uhr:
Hatte mich grad mal'n bisschen auf's Ohr gelegt. Nu gibt's erstmal'n Käffchen. Wie ich aus der Heimat höre, starten die Flieger aus Kopenhagen zur Zeit auch mit Verspätung. Ich habe weiterhin einen Funken Hoffnung und morgen früh eigentlich auch schon eine erste Verabredung.

Update vom 02. Juli, 18:52 Uhr (Kopenhagen-Time):
In etwa 45 Minuten werden wir in Kopenhagen landen. Gerade kam die Stewardess zu mir und sagte, ich solle am Flughafen zum Gate E6 laufen. Sie warten tatsächlich auf den Star-Posaunisten aus dem fernen China. Was so'ne Posaune doch alles ausmacht. Ich bin gespannt, ob's klappt.

Update vom 02. Juli, 23:15 Uhr (Hamburg-Time):
Es hat geklappt, nicht für mein Gepäck, aber für mein Handgepäck, die Posaune und mich. Freunde haben mich am Flughafen abgeholt, ich konnte das Instrument übergeben, noch zwei Beck's im Hotel und'ne Vollkorn-Stulle mit Leberwurst. Jetzt geht's ins Bett. Nach Peking-Time würd in'ner guten Stunde schon wieder mein Wecker klingeln... wenn ich zur Arbeit müsste und in Peking wäre. Wäre, wäre, Fahrradkette! 



Sonntag, 9. Juni 2019

56| High Five

Freitag war das Drachenbootfest. Dieses fällt im traditionellen chinesischen Kalender auf den 5. Tag des 5. Monats und wird deshalb auch "Doppel-Fünf-Fest" genannt. Auch wenn es hauptsächlich in Südchina begangen wird, hatten wir trotzdem frei, sodass wir ein langes Wochenende genießen konnten. Mal ganz entspannt. Mal nicht in den Flieger steigen.

So machten wir Freitag zu Dritt einen Ausflug in den Garden Expo Park im Südwesten Pekings. Aus dem Nordosten der Stadt kommend, waren wir nach 70 Minuten Fahrt mit der U-Bahn bereits da. Die internationale Gartenbau-Ausstellung findet nach 2013 das zweite Mal in Peking statt. 2003 war sie z.B. in Rostock zu Gast.
Eine weitläufige Parkanlage mit verschiedenen Themen-Gärten unter dem Motto "Live Green, Live Better"- und das bei nicht besonders guten Luftwerten. Nix wahnsinnig spektakuläres, aber durchaus mal einen Besuch wert.

 
 

Den Freitagabend ließen wir entspannt bei Abendessen und lecker Bierchen ausklingen.


Der Samstagabend stand dann ganz im Zeichen der Kultur - Konzert des Gewandhausorchesters Leipzig im NCPA. Allein ein Besuch des Gebäudes ist absolut lohnenswert.

 
 

Um nicht aufzufallen, habe ich mich sicherheitshalber bei Kollegen erkundigt, was man hier so zu einem Konzert anziehen sollte. Bloß nicht übertreiben, Chinesen kommen durchaus wie die Flodders zu solchen Veranstaltungen. Ich entschied mich für Jeans und weißes Hemd. Mein chinesischer Sitznachbar schien indes direkt vom Angeln zu kommen - mit T-Shirt, Strohhut und zerrissenen Shorts. Wenigstens roch er nicht nach Fisch. 

 
 

Nach einem beeindruckenden Konzert gab's noch ein Weinchen am Rande des abendlich erleuchteten NCPA.


Heute, Sonntag, gibt's nachher gleich ein gemeinsames Frühstück, und dann muss ich mich mal wieder durch den Behördensumpf kämpfen. Ich habe das neue Visum für mein zweites Jahr hier und muss zunächst im Management Büro meines compounds eine neue Wohnbestätigung einholen, und mit der und diversen anderen Unterlagen zu meiner Polizeistation um mir ein aktuelles Anmeldeformular ausstellen zu lassen.

Update von 16:45 Uhr
Ich habe das neue "Accomodation Registration Form", und es hat nahezu problemlos funktioniert. Gerade komme ich von einer lieben Kollegin und ihrer Familie, wo ich nicht nur ein Käffchen bekommen, sondern auch noch'ne Tupperdose voll Königsberger Klopse abgesahnt habe. 
High Five. 🤚
 
 

Mittwoch, 5. Juni 2019

55| Zur Wahrheit gehört aber auch...

...trotz vieler aufregender Dinge, die ich bereits sehen und erleben durfte, trotz toller Reisen, die ich unternehmen und trotz spannender Lebenserfahrungen, die ich machen konnte, das Leben in dieser Stadt saugt mir ganz gewaltig die Energie aus dem Körper.
Ich habe das Gefühl, ein Peking-Jahr sind vier Menschen-Jahre. Jedenfalls sehe ich, wenn ich morgens in den Spiegel gucke, einen um so viele Jahre gealterten Mann. Vielleicht liegt das aber nur an meinen deutlich schlechter gewordenen Augen. Abgenommen habe ich auch. Wer also noch das Michelin-Männchen vor Augen hat, wenn er an mich denkt, wird sich wundern.
Möglicherweise schwingt aber auch schon ein bisschen Heimweh nach Deutschland mit, nach der Elbe, nach der Ostsee, nach guter Luft, nach lieben und vertrauten Menschen (die es hier aber auch gibt), das mir Peking momentan noch anstrengender vorkommen lässt, als es vielleicht wirklich ist.
Noch 27 Tage.
Die letzten Tage und Wochen waren aber nicht nur gefühlt anstrengend:

DIE HITZE

Seit drei Wochen hatten wir kaum einen Tag unter 30° C, sondern meist deutlich drüber. Das habe ich doch etwas unterschätzt.


Und wenn ich mir vorstelle, so geht das noch mindestens bis September, wobei nun auch die Luftfeuchtigkeit immer weiter zunehmen wird, sorgt das nicht gerade für Wohlbefinden bei mir. Meine Wohnung heizt sich gefühlt auf 1000° C auf, das Thermometer zeigt zumindest eine Innentemperatur von 29° C an, da von mittags bis zum Sonnenuntergang die Sonne auf meine Fenster knallt. Lüften ist da auch nicht immer so'ne gute Idee, da es in der letzten Zeit nicht sonderlich windig ist. Und das heißt, die Luftwerte sind schlecht. Nachts schlafe ich ausschließlich mit geschlossenem Fenster bei laufender Klimaanlage. Tagsüber aber ununterbrochen das Ding laufen zu haben, finde ich ökologisch bedenklich, und außerdem geht das trotz geringer Energiekosten mit der Zeit ins Geld. Die Fenster und Fensterrahmen heizen sich nachmittags dermaßen auf, dass man von innen ein Ei dagegen schmeißen könnte, und wenn es unten ankommt, wär es ein Spiegelei. Wär vielleicht wirklich einen Versuch wert. Oder ich experimentier mal mit Toast Hawaii.

DER INFEKT

In der Nacht zum letzten Freitag ereilten mich aus heiterem Himmel Magenkrämpfe und Fieber bis 39° C. Bei der telefonischen Terminvereinbarung mit der internationalen Klinik am nächsten Tag bat ich um einen möglichst deutschsprachigen Arzt, hatte mir aber schon englische Vokabeln für die bei mir auftretenden Symptome rausgeschrieben. Ich bekam letztlich Samstagmittag einen Termin bei einer japanischen Ärztin mit blauen Haaren, die mich mit "Grüß Gott!" begrüßte. Die Untersuchung ergab einen wohl durch Viren ausgelösten Magen-Darm-Infekt mit (fast) allen special effects, die so ein Infekt halt mit sich bringt. Inklusive einer schon fortgeschrittenen Dehydrierung. Seit Montag gehe ich trotzdem wieder zur Arbeit. Dieser erste Arbeitstag hat mich doch ziemlich viel Kraft gekostet. Es wird aber von Tag zu Tag etwas besser. Bis heute nehme ich noch ein Präparat, das die Magen- und Darm-Flora wieder in Ordnung bringen soll, und dann hoffe ich, dass bis zum Wochenende alles wieder in normalen Bahnen läuft. Die Ärztin sagte aber auch, dass die Durchfall-Saison hier nun erst beginne. Auf englisch klingt es allerdings nicht ganz so bedrohlich: Diarrhea Season. Hört sich nun eher nach einem Techno Festival in Sachsen-Anhalt an.

DAS VPN

Am Wochenende krank zuhause zu liegen, ist echt doof.
Am Wochenende krank zuhause zu liegen und das Internet nicht wirklich nutzen zu können, weil das VPN mal wieder komplett gesperrt ist, ist echt sch....
Seit Freitag war so gut wie kein Aufbau einer VPN-Verbindung möglich. Wenn man Glück hatte, huschte mal eine WhatsApp-Nachricht durch, aber mehr war nicht zu machen. "We're working to restore connectivity in China, which is significantly impacted by political events."
Seit dem Abend des 04. Juni scheint es sich nun wieder Schritt für Schritt zu normalisieren. Warum?
Ein Blick genau 30 Jahre zurück liefert eine Erklärung. Was im April als friedlicher Protest mit Demonstrationen und Kundgebungen begann, wurde in der Nacht vom 03. auf den 04. Juni gewaltsam zerschlagen und endete mit vielen, vielen Toten. Ich verzichte hier ganz bewusst auf bestimmte Schlüsselwörter, sind die Ereignisse von damals immer noch ein absolutes Tabu in China. Ein Erinnern und Gedenken ist strengstens verboten. Totschweigen heißt die Devise.

DER LIFT

Als ich heute mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause kam - und das bei ziemlich schwülen 29° C - stand ich schweißgebadet vor zwei offenen Fahrstuhltüren. Beide Fahrstühle wurden gewartet. Was blieb mir übrig als die Treppe zu nehmen. Hoch in den 29. Stock. Komplett durchnässt kam ich dort nach gefühlt 20 Minuten endlich an.

Es gibt aber auch ein paar Lichtblicke.

DAS BROT

Am Sonntag hat ein Kollege Brot gebacken, und ich durfte freundlicherweise eines probieren.

 

Lecker. Mit Kümmel. Ich habe schon lange nicht mehr so ein fantastisches Brot gegessen. Ich nenne ihn jetzt nur noch Olaf, den Brot-Gott. Ich werde in Deutschland ganz viel Brot essen mit grober Leberwurst.

DAS KONZERT

Für den kommenden Samstag hat eine Kollegin Karten besorgt für ein Konzert des Gewandhausorchesters Leipzig im NCPA.


Das Gebäude hatte ich ja schon mal in einem früheren Post vorgestellt. Jetzt geht's also auch hinein, und es gibt Kultur auf die Ohren - die 5. Sinfonie in B-Dur von Anton Bruckner. Das nur für die Experten unter den Lesern meines Klassik-Journals. Mir sagt das erstmal nichts, ist aber bestimmt schön.