Dienstag, 6. November 2018

32| wo mai shi ge xigua.

Ich kaufe zehn Melonen.

Hat'n bisschen was von Loriot: "Mein Name ist Lohse. Ich kaufe hier ein."

Mittlerweile können wir bis 999 zählen, Obst, Gemüse, Kekse, Allerlei kaufen, im Restaurant Peking-Ente, Reis, Saft und Bier, Besteck, ein paar Stäbchen und Servietten bestellen, nach dem Preis oder danach fragen, ob die Suppe scharf ist oder Koriander enthält.
Theoretisch.
Ich bin bisher nicht besonders fleißig im Vokabeln lernen.
Also, äh, ... ich habe bisher überhaupt noch keine Vokabeln gelernt. Keine Zeit.
Entweder mir fällt im richtigen Moment eine passende Vokabel ein oder ich lege mir voher einen Satz zurecht in der Hoffnung, ihn bis zum Supermarkt oder zum Restaurant nicht wieder zu vergessen.
Letztens konnte ich beim Einkaufen tatsächlich fließend sagen, dass ich 6 Brötchen haben möchte: "Wo yao liu ge mianbao". Die Verkäuferin gab mir einerseits zu verstehen, dass sie mich verstanden hatte, aber andererseits trotzdem 8 Brötchen. Schließlich gibt es dort Vier zum Preis von Drei. Und dass ein Kunde vier plus zwei Brötchen zum Preis von Fünf möchte, konnte sie so nicht hinnehmen. Naja, und "Vielen Dank, trotz ihres großzügigen Angebotes reichen mir 6 Brötchen." kriegen wir erst in einer der nächsten Chinesisch-Stunden.

Momentan bin ich durch die Arbeit ziemlich eingespannt,und auch die Stadt mit ihrem Lärm, dem chaotischen Verkehr und der in letzter Zeit häufig schlechten Luftqualität kostet einen viel Energie. Das Leben lebt sich hier deutlich intensiver. Das ist nachwievor eine wahnsinnig spannende Erfahrung, aber eben auch sehr kräftezehrend.
Trotzdem oder gerade deswegen habe ich meine Entscheidung bisher nicht bereut. Egal, welche Erfahrungen ich noch machen werde, sie werden mein Leben bereichern. Und sie werden mich verändern. Staubflusen auf dem Boden zum Beispiel. Na und.
Eine nicht parallel zum Spiegel ausgerichtete Badezimmermatte. Na und.
Nein, die richte ich momentan immer noch parallel zum Spiegel aus.
Ich arbeite an mir.

Und draußen wütet der Herbst. Die Bäume verlieren - wenn auch nicht immer ganz freiwillig, wie ich eines morgens beobachten konnte - ihre Blätter. Offensichtlich wieder ein mir bisher unbekannter Job: Der-mit-einer-langen-Stange-die-Blätter-von-den-Bäumen-Klopfer.
Der Herbst wütet allerdings nicht nur draußen, sondern auch in meiner Wohnung. Aufgrund der undichten Fenster und der Temperaturen, die nachts und morgens den Gefrierpunkt erreichen oder unterschreiten und auch tagsüber kaum noch die 15 Grad übersteigen, ist es langsam doch recht schattig in meiner Wohnung geworden und ich sitze nur noch mit dicken Socken und Fleece-Jacke zuhause. Die Heizperiode beginnt hier aber erst Mitte November. Allerdings hat es am Sonntag schon mal verheißungsvoll in den Heizungsrohren gegluckert.
Die Vorfreude auf Mitte November steigt.
Wie man mit undichten Fenstern pragmatisch umgehen kann, haben Kollegen gezeigt:
Problem: Es zieht durch's Küchenfenster.
Lösung: Küchenfenster mit dickem Klebeband abdichten.
So würde es jeder zur Hilfe gerufene chinesische Handwerker auch machen. Da ich aber nicht weiß, ob ich mein Wohnzimmer in den nächsten Monaten nicht auch mal lüften möchte, habe ich zunächst von einer solchen Lösung Abstand genommen.

Sanya im Süden Hainans hat tropisches Monsunklima mit ganzjährig warmen Temperaturen.


Ich habe mich durchgerungen vor der Woche in Hongkong doch noch für ein paar Tage einen Abstecher in das "Hawaii von China" zu machen. Am Strand relaxen, vom Balkon den 180°-Meerblick genießen oder einen Ausflug in den Yanoda-Regenwald machen.
Und wie sieht's mit meinem ökologischen Fußabdruck aus?
Peking 🛫 -Sanya 🛬, Sanya 🛫 - Peking 🛬, Peking 🛫 - Hong Kong 🛬, Hong Kong 🛫 - Peking 🛬.
Gut.
Ich habe hier kein Auto, ich nehme meist die U-Bahn oder ein Leihfahrrad oder gehe zu Fuß.

Zu Fuß nach Sanya wär aber unpraktisch. 
Laut Google Maps dauert's auf der besten Fußgänger-Route 26 Tage.
Keine Zeit.


Donnerstag, 25. Oktober 2018

31| In welcher Liga spielt eigentlich Hansa Rostock?

Diese Frage über meinen alten Heimat-Verein stellte sich mir ausgerechnet auf dem Weg zum Lama-Tempel letzten Samstag.
3. Liga. Ich hatte schlimmeres befürchtet.

 

Der Lama-Tempel - oderYonghe-Tempel, wie er eigentlich heißt - sollte die erste Attraktion sein, die ich mit meinem Besuch besichtigen wollte, da er mit eigener U-Bahn-Station gut zu erreichen ist und ich ihn selber vorher noch nicht besucht hatte. In direkter Nachbarschaft zum Konfuzius-Tempel hat mich diese buddhistische Tempelanlage sehr beeindruckt, nicht zuletzt, weil sie nachwievor aktiv für religiöse Zwecke genutzt wird. Überall brennende und glimmende Räucherstäbchen, die der an diesem Wochenende unglaublich schlechten Luft zumindest eine etwas würzigere Note gaben. Buddha-Statuen verströmten zudem eine angenehm friedliche Atmosphäre.

 
 
 

Abends dann der völlige Kontrast - bummeln durch den Beijing Olympic Park. Dort war ich zwar schon während der Einführungswoche im Juni, aber abends ist es dann doch nochmal eindrucksvoller durch die ganze Beleuchtung.


Auf dem Boulevard tummelten sich Karaoke-Sänger, Tanz- und Qigong-Gruppen und andere "Künstler", denen allen gemein war, dass die Musik aus völlig übersteuerten Lautsprechern kam. Hauptsache laut.
In der zugehörigen Mall haben wir dann ein sehr gutes China-Restaurant aufgetan, und ich konnte erste sprachliche Erfolge nach ein paar Wochen Chinesisch-Kurs erzielen. Drei Bier und dreimal Reis konnte ich bestellen ohne mit dem Finger auf das entsprechende Bild zu zeigen.

Für Sonntag war die Verbotene Stadt geplant, die bei keinem Peking-Aufenthalt fehlen sollte. Um die tägliche Besucherzahl auf 80000 (!) Besucher zu begrenzen, ist nur noch eine Online-Reservierung mindestens 24 Stunden vorher möglich. Typisch China: Diese Ticket-Seite gibt es nicht auf englisch, nur auf chinesisch. Mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung aus dem Internet haben wir uns dann aber erfolgreich durch die Prozedur geklickt.


Die Verbotene Stadt - mehr als 500 Jahre lang Regierungs- und Wohnsitz von 24 Kaisern. Der Letzte dankte 1911 ab, und erst viele Jahre später war es Normalsterblichen überhaupt erlaubt, die Verbotene Stadt zu betreten. Die Dimensionen der Anlage sind gigantisch - es heißt zurecht Verbotene Stadt und nicht etwa Verbotenes Dorf.
Umgeben von  einem 50 m breiten Wassergraben und einer 10 m hohen Mauer, über 700000 Quadratmeter Fläche, 890 Gebäude, um die 9000 Räume, unterteilt in einen äußeren (wurde für Zeremonien und offizielle Regierungsgeschäfte genutzt)  und einen inneren Bereich (dort lebte der Kaiser mit seinen Konkubinen oder schlenderte im kaiserlichen Garten) kann man schlichtweg nicht alles an einem halben Tag besichtigen (vermutlich nicht mal an einem ganzen Tag). Leider werden bei meinen Fotos die Dimensionen nicht ansatzweise deutlich. Man muss diese beeindruckende Anlage mit ihrer großartigen chinesischen Architektur halt wirklich mal selber gesehen haben. Gerne aber bei besserer Luftqualität als wir sie hatten.

 
 

Wer sich übrigens erinnert, was ich mal über die Anzahl der Dachwächter geschrieben hatte, kann bei dem Palast in obigem Bild - einem der kaiserlichen Paläste - mal nachzählen. Man kann's aber auch lassen.

 
 
 

Warum komme ich überhaupt schon heute dazu diesen Post zu vervollständigen?
Mein Besuch ist nach einer Woche heute mittag wieder abgereist.
Fazit: Es war schön, aber auch mega anstrengend zwei Urlauber in der Hütte zu haben, während man selber arbeiten und den Alltag bestreiten muss. Nun habe ich das restliche Wochenende um klar Schiff zu machen und meine Erkältung in den Griff zu kriegen.
Ärgerlich, der mitgebrachte Gin ist schon wieder gut zur Hälfte leer.


Am Samstagabend bin ich dann noch kurz zu "The Place", einer von vielen Mega-Malls in Peking mit riesigem Screen als Sonnen- und Regenschutz um mir nach getaner Hausarbeit ein paar neue Sneaker zu kaufen.
Man muss sich auch mal was gönnen können.




Sonntag, 14. Oktober 2018

30| F-Dur, Tesa-Moll

Wie ich schon mal erwähnte, sind nicht nur der eine oder andere Bewohner meines Gastlandes, sondern auch meine Fenster nicht ganz dicht. Doch selbst mit von einem Kollegen empfohlenen Fensterdichtungen von Tesa-Moll bleiben die Undichtigkeitsprobleme. Ein bisschen  besser ist es zwar geworden, aber bei stürmischen Winden, die mit dem beginnenden Herbst häufiger und stärker wurden, pendeln regelmäßig meine Deckenlampen hin und her. Vielleicht bau ich da noch'n Uhrwerk ein. Spannend wird's Richtung Winter, wenn die Temperaturen deutlich unter Null Grad sinken. Relativ kalt ist es auch jetzt schon nachts und morgens mit um die 4 Grad geworden, während man tagsüber noch locker mit dem T-Shirt rumlaufen kann.

Dies Wochenende allerdings habe ich Aktivitäten im Freien auf ein Minimum begrenzt. Mit einem Luftqualitätsindex im Bereich "very unhealthy" erlebe ich hier gerade meine bisher schlechtesten Luftwerte.
Luftqualitätsindex rauf, Lebensqualitätsindex runter!?
Gut, dass ich mir gestern einen Luftreiniger für die Wohnung gekauft habe. Ob er wirklich was bringt, ist fraglich, aber es beruhigt, wenn der Propeller leise vor sich hin schnurrt und es auf dem Display grün leuchtet.
Der Kauf war allerdings ein Zufallskauf. Ich mochte nur nicht mit leeren Händen nach Hause zurückkehren. Eigentlich wollte ich ein bisschen bummeln in einer Mall - in einer riesigen Mall. Mal nach Schuhen und Klamotten gucken. Das wollten aber auch die anderen 20 Millionen Einwohner der Stadt.

Heute nachmittag haben eine Kollegin und ich es etwas ruhiger angehen lassen, indem wir uns zum Kaffee verabredeten. Sie hatte in der Karte ein nettes Cafe herausgesucht, wo sich dann aber nur die Botschaft von Ghana befand. Möglicherweise haben die auch guten Kaffee. Wir haben aber nicht gefragt.
Zumal das Sicherheitspersonal so mancher Botschaft etwas unentspannt guckt. Vor einer Botschaft stand ein gepanzertes Fahrzeug mit verdunkelten Scheiben und Löchern an den Seiten, wo man Gewehre durchstecken kann. Ich habe meine Kollegin nur kurz darauf aufmerksam gemacht, schon öffnete sich die Tür des Wagens. Wir haben unseren Schritt ein wenig beschleunigt.
In der Nähe gibt es auch ein deutsches Lokal. Also da für'n Käffchen rein. Gähnende Leere bis auf zwei andere Gäste und vier Leute Personal. Dunkel, braune, in die Jahre gekommene Möbel, Staubfänger aus dem maritimen Bereich, soweit das Auge reicht, "Schmidtchen Schleicher" und andere Gassenhauer aus den Boxen. Cappuccino und Käsekuchen - und schnell wieder raus. Wenn man mal ganz dolles Heimweh nach Deutschland, einem Admiralsschnitzel mit Bratkartoffeln und den 80-er Jahren hat - herzlich willkommen.
Nur 30 m weiter ein fantastisches italienisches Cafe. Voller Leute, hell und freundlich.

Vor kurzem waren wir auch mal auf Empfehlung einer türkisch-stämmigen Kollegin in einem Halal-Restaurant essen. Durchaus sehr leckere Sachen dabei: Saftiger Fisch, würzige Lamm-Spieße, gerösteter Blumenkohl. Das Spannendste an diesem Abend war aber nicht das Essen, sondern der Streit, der sich vor unserem Raum zutrug. Offensichtlich gab es innerhalb des Personals Meinungsverschiedenheiten, die zu einem riesigen Tumult mit großem Geschrei und Handgemenge auswuchsen. Wir überlegten schon, ob wir die Geschirr-Kommode von innen vor die Tür schieben und durch die Revisions-Klappe in der Decke fliehen sollten. Wir kamen dann aber doch unbehelligt aus der Sache raus.

Noch 73-mal schlafen bis Hong Kong. Wie gesagt, alles gebucht. Freu mich drauf.


Nun bin ich seit gestern am Überlegen, ob ich nicht davor noch ein paar Tage nach Hainan fliege - eine Insel ganz im Süden Chinas, die als das "Hawaii von China" gilt. Mal richtig ausspannen. Verdient hätte ich es mir, schließlich liegen viele Wochen aufopferungsvoller Arbeit vor mir.


Andererseits ein bisschen absurd, zunächst gute vier Stunden in den Süden zu fliegen, eine knappe Woche später zurück nach Peking um nach vier Tagen dreieinhalb Stunden im Flieger nach Hong Kong zu sitzen. Und nach'ner Woche dann wieder nach Peking.
Da fällt mir spontan der Knaller-Hit "Jet Set" von Carmen Geiss ein, der übrigens auch gut in dem oben erwähnten deutschen Lokal laufen könnte. R-o-o-o-obert. 😜
Ich schlaf mal noch eine Nacht drüber. Dann wär's nur noch 62-mal schlafen bis Hainan.